Diese Tätigkeit übe er derartig verständig, klug und versöhnlich aus, daß der Distrikt hinsichtlich der Verwaltung als der bequemste der ganzen Provinz gälte. Alle bisherigen Provinzialregierungen hatten den Fremden daher nicht nur gern geduldet, sondern ihm sogar verschiedentlich Geldzuwendungen angeboten, die er annahm, aber nur in der Form von Büchern, welche die Behörden ihm auf seinen Wunsch durch Vermittlung des Konsuls beschaffen mußten.
Irgendeine andere Beziehung zu den Behörden, dem Konsul oder überhaupt zu einem Europäer oder Gebildeten, lehne er nachdrücklich, wenn auch nicht gerade verletzend ab. Es sei denn, daß jemand seinen ärztlichen Rat erbäte, den er dann aber stets ohne jedes Entgelt erteile. –
Diese Erzählungen allein hätten genügt, das schon geweckte Interesse des Kapitäns an dem seltsamen Manne zu erhöhen, der, wie der Kapitän erfuhr, Markus Geander hieß, von den Eingeborenen aber gerne heimlich „San Marco“ oder „el santo desnudo“, „der nackte Heilige“, genannt wurde, Namen, über die er aber sehr ungehalten sein sollte, da er sich gelegentlich als ein höchst unkirchlicher Mann und als ein ausgesprochener Atheist erwiesen hatte, wenngleich er die Eingeborenen auch in ihren kirchlichen Angelegenheiten in durchaus versöhnlichem Sinne beriet. Mehr aber noch als diese berichteten Dinge machte den Einsiedler ein tiefes und rätselvolles Geheimnis, das über seiner Herkunft lag, zum Gegenstande eines fast übersinnlich erregten Staunens.
Man berichtete darüber dem Kapitän das Nachfolgende:
Die Fischer der Bergflußgegend, in der er noch heute wohnte, hatten ihn, von dem damals noch nie jemand ein Wort gehört, eines Morgens bei Sonnenaufgang bewußtlos auf dem Felsen des Flusses, halb im Wasser liegend, gefunden. In seinen Armen hatte er ein, wie die Leute versichern, über alle menschlichen Begriffe schönes, gleich ihm vollkommen nacktes und bewußtloses junges Weib gehalten, dessen blonde Zöpfe fest um des Mannes Hals gebunden waren. Beide lebten noch. Er selbst hatte sofort nach dem Auffinden die Augen aufgeschlagen und offenbar für Sekunden das Bewußtsein wiedererlangt, um es dann aber sofort wieder zu verlieren.
Das junge Weib war gleich darauf, ohne die Augen geöffnet zu haben, gestorben, und man hatte sie begraben müssen, ehe der Mann aufs Neue zur Besinnung kam.
Als dieser, den eine Fischerfamilie bei sich aufgenommen hatte, nach Monaten von schweren inneren Verletzungen genas, hatte er den Wunsch geäußert, an dem Orte zu bleiben, wo man ihn und sein Weib gefunden und dieses begraben habe. Die Fischer und Plantagenarbeiter der Gegend, denen er sich während seiner langsamen Genesung anschloß, hatten ihm geholfen, das Häuschen zu errichten, das er jetzt bewohne.
Für die Wahrheit dieser Erzählungen, die gewiß merkwürdig klangen, verbürgten sich zuverlässige Augenzeugen: Die Fischerfamilie, die ihn damals aufnahm, lebte, jedenfalls in ihrer jüngeren Generation, noch heute. Die Leute waren durchaus intelligent, verständig und in ihren Aussagen glaubwürdig. Auch wurde der Vorfall von zahlreichen anderen Eingeborenen der Gegend bestätigt.
Es blieb nun ein undurchsichtiges und geradezu unheimliches Rätsel, wie der auffallende Mann, und noch dazu mit einer Frau, ohne von einem Menschen des Küstenstriches gesehen zu sein, in die einsame Berggegend gekommen war.
Wenn auch der Umstand der um den Hals des Mannes geknüpften Zöpfe auf die Absicht eines gemeinsamen Selbstmordes schließen ließ, so erhöhte die Tatsache, daß man nicht die geringste Spur irgendeiner Kleidung, nicht einmal Ringe an den Fingern gefunden hatte, die Rätselhaftigkeit des Falles noch bedeutend. Die Annahme einer Beraubung war bei der Ehrlichkeit der Indianer gänzlich ausgeschlossen.