Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ — „Nein, gnä’ Frau.“ — „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ — „Jawohl, gnä’ Frau“ — Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ — „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. — „Frida, den Hunderter kann niemand anders genommen haben.“ — „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida, geben Sie ihn her.“ — „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ — „Also ist er schon bei einem Helfershelfer?“

Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen. Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte Tante.

Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ — „Ich hab’ ihn nicht, ich versteh’s nicht.“ — „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ — „Für jetzt will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“

Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer. Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer gütlich zu. — „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht entlasten.“ — „Jawohl, Hochwürden.“ — „Nicht drängen darf ich Sie, Sie müssen selber...“

Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben, daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas Arme: „Und was jetzt?“ — „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht entlassen werden.“

Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen dient: „Und was jetzt?“

Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.

Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten Hunderter in der Hand.

Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben — ich habe sie nicht mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“

Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste — mein Hunderter knistert: Nein.