Er glaubte zu träumen, wild jagten ihm allerlei Gedanken durch den Kopf, und ein nervöses Zucken spielte um die blassen Lippen.

Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen? Ärger, Ungemach, Enttäuschung von allen Seiten, kein Lichtblick in die Zukunft, die sich jetzt mit einem Schlage drohend und schwarz vor seiner Seele malte!

Zum ersten Male durchzuckte ihn mit schrecklicher Gewißheit der Gedanke, daß er vor einer Katastrophe stand, welcher nichts mehr Einhalt gebieten konnte, wenn nicht ein Wunder geschah. Aber wo sollte das jetzt noch herkommen? Aller Glaube, alle Hoffnung zerflossen zu nichts in den wenigen Augenblicken, da ihm die ganze erdrückende Last seiner Schuld und Sünden, die ganze Wirrnis eines verfehlten Daseins zum Bewußtsein kam. Ein Schrecken, eine Schauer vor sich selbst und das Gefühl der Hilflosigkeit ergriff den Mann, den sonst nichts zu bewegen vermochte, der mit einer kalten, kein Mittel scheuenden Berechnung alle Schwierigkeiten und mißlichen Lebenslagen niederzukämpfen gewohnt war. Keiner tieferen Regung und edlen Gefühle fähig, war er bis jetzt den Lebensweg gewandelt, den Egoismus, rücksichtslose, gefühlsrohe Gesinnung und oberflächliche Lebensanschauung ihm gewiesen hatten.

Lange saß er so da, bleich, unbeweglich, den stieren Blick in's Leere gerichtet, nur das nervöse Spiel seiner Züge verriet, daß in der scheinbar leblosen Gestalt noch Leben saß: der seelische Kampf und innere Zwiespalt eines Menschen, der zu spät erkennt, wie er sein Leben gewaltsam zerstört und zertreten, dessen Hoffnung auf eine unverdiente Gnade des Geschickes noch im Ersterben nach einem rettenden Gedanken sucht, an den sich die geängstigte Seele klammern kann, wie ein Ertrinkender noch bis zum letzten Atemzuge mit den Wogen ringt, auch wenn er weit und breit kein helfendes Wesen erblickt.

Borgert war jetzt mit sich im Reinen, er hatte abgerechnet mit sich selbst und einem verfehlten, durch eigene Schuld vernichteten Leben. Er war entschlossen, die Folgen zu tragen, nun es kein Entrinnen mehr gab.

Mechanisch kleidete er sich an und ging zur Kaserne, um dem Rittmeister zu melden, daß er den Dienst versäumt habe.

Von Röse's Flucht wollte er vorläufig schweigen, denn wenn man jetzt sofort dem Deserteur nachspürte, war es so gut wie sicher, daß man in wenigen Tagen seiner habhaft wurde. Gab man ihm aber noch 48 Stunden Zeit, dann hatte er genügend Vorsprung, um sich in ein sicheres Versteck zu begeben, und dann blieb es Borgert erspart, von einem Kriegsgericht wegen Mißhandlung eines Untergebenen verurteilt zu werden.

Als er gegen Mittag seine Wohnung wieder betrat, fand er einen Brief vor. Es war die Antwort des Geldverleihers aus Berlin, welcher Borgert in kurzen Worten mitteilte, er könne ein Darlehn nicht gewähren, da die Erkundigungen sowohl über Borgert wie über den Bürgen Leimann eine außerordentlich ungünstige Wirtschaftslage bekundet hätten.

Borgert nahm die Nachricht fast gleichgültig auf, denn er hatte seit heute Morgen jede Hoffnung auf einen günstigen Zufall verloren und daher nichts anderes erwartet.

In's Blaue hinein, auf ein ehrlich Gesicht und schöne Worte gab kein Mensch einen Pfennig her, es hatte also gar keinen Zweck, sich noch weiter zu bemühen. Wenn es trotzdem vorher Leute gegeben hatte, die ihm Geld zur Verfügung stellten, so war es eben auf Leimann's Bürgschaft hin erfolgt, der seine Vermögenslage in so geschickter Weise in ein günstiges Licht zu stellen verstand, daß man ihm einfach Glauben schenkte, ohne lange Erkundigungen über ihn einzuziehen.