Schmunzelnd zog der Jude ein Papier aus der Tasche, schritt zum Schreibtisch und schrieb einige Worte auf das Blatt, welches er Borgert nun zur Unterschrift vorlegte.
Als der Jude wieder hinaus war und Borgert die beiden Tausendmarkscheine in der Hand hielt, schien ihm nun das letzte Hindernis zur Flucht beseitigt, denn bares Geld war die Hauptsache. Er faltete die Scheine zusammen und steckte sie in seine Börse, trat dann in's Schlafzimmer an den Kleiderschrank und entnahm demselben den Reiseanzug. Das übrige Civil packte er zu Frau Leimann's Kleidern in den Koffer, darauf die paar Sachen, die er sonst noch mitnehmen wollte, und ließ den Koffer sogleich zur Bahn besorgen.
Der Oberst zeigte wenig Lust, den Oberleutnant zu beurlauben, und erst auf nochmalige Vorstellung über die Dringlichkeit der Reise ließ er sich erweichen, einen dreitägigen Urlaub zu bewilligen. Er hoffte schließlich, Borgert würde mit seinem Vater übereinkommen und diese leidigen Geldgeschichten aus der Welt schaffen. Das konnte ihm ja nur angenehm sein, und so ließ er ihn reisen.
Leimann war inzwischen schon über alle Berge. Die beiden Freunde hatten nicht einmal ein letztes Lebewohl einander zugerufen. Seine Gattin aber war noch sehr beschäftigt. Es gab so vielerlei zu tun, hier ein Packet Briefe zu verbrennen, die weder der Gatte noch Georg lesen durften, dort noch einige Kleinigkeiten einzupacken, meist wertlose, unscheinbare Sächelchen, deren Wert die Erinnerung bedeutete.
Das Herz einer Frau hängt an solchen Dingen, die ihr schöne Augenblicke, liebe Bilder in der Erinnerung erwecken, und eher gibt sie dir den schönsten, im Laden gekauften Ring, als die trockene Blume oder das kleine Angebinde aus der Hand eines Mannes, welcher in ihrem Leben eine Rolle gespielt.
Den heimlichen Abschied von Bubi, dem kleinen zweijährigen Söhnchen, hatte sie sich tags zuvor schwerer vorgestellt, und sie empfand jetzt sogar eine Art Gewissensbisse, daß sie so leichten Herzens, ohne Träne, das einzige Kind im Stiche lassen konnte, das jetzt, mutterlos, einer ungewissen, vielleicht traurigen Zukunft entgegen ging.
Aber es war sonderbar! Vom ersten Augenblick an empfand sie eine gewisse Abscheu vor dem Kinde mit der breiten Nase, dem großen Mund und den winzigen, stechenden Augen. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich eine ausgesprochene Ähnlichkeit mit dem Vater, und je mehr die Entfremdung der Gatten wuchs, umsomehr schwand der kleine Rest von Mutterliebe. Sie betrachtete das ewig schreiende, häßliche kleine Wesen lediglich als sein Kind, und sich selbst nur als das natürliche Mittel, um es zur Welt gebracht zu haben, und so war es gekommen, daß das arme Baby fast nur in der Küche oder der Mädchenstube sein Dasein fristete, gehütet und erzogen von den Dienstboten. Die Mutter bekam ihr Kind oft kaum eine Stunde am Tage zu sehen.
Es gibt ja Frauen, die, eitel und sich ihrer eigenen Schönheit wohl bewußt, es für eine Schmähung der Natur, für eine Strafe des Himmels halten, wenn sie häßliche Kinder zur Welt bringen, vor denen sie dann ihr ganzes Leben eine innere Abneigung empfinden und ihnen aus dem Wege gehen, wie dem Gedächtnis einer Kränkung, die ihrem Frauenstolze widerfuhr.
Ihr Gatte hatte es ja nicht anders um sie verdient, als daß sie ihn verließ, und deshalb empfand sie kaum das Bewußtsein einer Schuld, als sie um drei Uhr ein Abteil erster Klasse des Schnellzuges nach Frankfurt bestieg.
Denn welcher Mensch strebt nicht, seine Sünden und Vergehen vor sich selbst zu rechtfertigen, zu entschuldigen? Oberflächliche, selbstsüchtige Menschen bringen es in diesem Streben so weit, daß sie in dem größten Verbrechen häufig nur eine kleine Inkorrektheit erblicken, welche die Mitmenschen falsch, zu hart beurteilen, weil sie die Beweggründe nicht verstehen können. —