Den ganzen folgenden Tag befand sich Schmitz in einer Art fieberhafter Unruhe. Es schien ihm doch eine sonderbare Wandlung mit ihm vorgegangen seit der kurzen Zeit, die er des Königs Rock nicht mehr trug. Vor einem Jahre noch war er Soldat des Kaisers, ein Mann, der geschworen, das Vaterland zu schützen und es fördern zu helfen, und heute? Einer von denen, welche man beschuldigt an den Grundfesten des Staatsgebäudes zu rütteln, um sich nach eigenen Gesetzen ein neues Gemeinwesen zu schaffen.

Doch als er am nämlichen Abend in stolzer Haltung die Rednertribüne betrat, und eine nach Hunderten zählende Menschenmenge dem neuen trefflichen Genossen Beifall rief, noch ehe er ein Wort gesprochen, da stieg ein nie empfundenes Gefühl des Selbstbewußtseins, ein unbestimmtes, gewaltiges Streben nach Großem in seiner Seele auf. Gefallen wollte er der versammelten Menge, sie hineinzwingen in den Bannkreis seiner Gedanken, daß alle ihm folgen mußten, willenlos, wie dem Hirten die Herde.

Mit fester Stimme begann er seine Rede. In großen Zügen schilderte er zuerst die Art des neuen Gesetzentwurfs und legte sodann die Folgen desselben für die arbeitenden Klassen dar.

Eine neue Steuer bedeute stets einen weiteren Schritt zur Verarmung der Mittellosen. Und diese neuen Ausgaben seien überflüssig, wenn man es unterließe, eine beständige Vergrößerung und fortwährende Ausrüstungsänderung der Armee vorzunehmen.

»Unsummen verbraucht der Staat alljährlich für das Militär«, sagte er, »kaum hat man Millionen für die Einführung eines neuen Geschützes, die Aufstellung eines neuen Regiments aufgewendet so erweisen sich diese Änderungen oft bald als nicht mehr zeitgemäß, und neue Summen von unglaublicher Höhe werden gefordert, um einen Irrtum oder eine Übereilung gut zu machen. Deutschlands Ruf und Machtstellung hat ihm die Armee erworben, und sein Heer ist es, um welche die Nachbarländer es beneiden, aber stehen wir denn nicht auf dem Gipfel der militärischen Macht, müssen wir denn den Militarismus so weit ausdehnen, bis er schließlich alle anderen Organe der Staatsmaschine erdrückt?

Wollte man nur einen Teil der Unsummen, die das Heer alljährlich verschlingt, anderen Gliedern des Reiches zuwenden, so würde es nicht nötig sein, den Bürger so unverhältnismäßig an seinem Einkommen zu kürzen. Dann wären wir ein reiches Land, der Bürger könnte den Wohlstand erreichen, die Industrie aufleben und mit neuen Kräften einen gewaltigen Aufschwung nehmen.

Will man aber nicht abgehen von dieser enormen Bevorzugung des Heeres,« fuhr Schmitz fort, »so soll man die dafür nötigen Summen denen abnehmen, die in Nichtstun oder geringer Arbeit Millionen zusammenscharren. So aber belastet man den Reichen nicht mehr wie den Arbeiter, der ein Stück des sauer erworbenen Brotes hergibt, um ein Kapital mit aufbringen zu helfen, dessen Nutznießung ihm versagt bleibt.

Denn welchen Segen bringt dem Bürger, dem Volke die Armee? Sie zieht seine Kinder heran, um sie in den besten Jahren der Jugend, in denen der Jüngling sich zum Manne entwickelt und sein Charakter reift, oft mit Ungerechtigkeit und Roheit zu behandeln und dann den einen als erbitterten Gegner der Staatsverfassung, manch anderen als Krüppel in's Leben zurückzuschicken. Und hat er auch die schönsten Jahre männlicher Arbeit, seine Gesundheit dem Staate geopfert, so schickt man ihn oft um einer Kleinigkeit willen hinaus in die Welt, wo er dann wie ein fortgejagter Hund nach Nahrung und einem neuen Herrn suchen muß.

Darum laßt uns die Staatsleitung zu zwingen suchen, das Geld, welches sie zwecklos ausgibt, nutzbringend auf bessere Ziele zu verwenden, damit das Volk für seine Opfer auch einen Lohn genießt!«

Die Worte des Redners, der an seine eigenen bitteren Erfahrungen gedacht hatte, waren von häufigen Rufen des Beifalls und der Zustimmung begleitet, als Schmitz aber von der Tribüne herabstieg, jubelte die begeisterte Volksmenge dem Manne zu, der die richtigen Mittel gefunden, ihr den Lebensweg zu ebnen.