»Dann allerdings!« stimmte Bleibtreu bei.

»Sehen Sie,« fuhr König fort, »seit neun Jahren lebe ich nun in diesem elenden Nest. Der reine Bauer bin ich geworden! Ja, es ist wirklich so, wenn Sie auch lachen. Wenn man niemals mehr unter andere Menschen kommt — die paar Tage Urlaub spielen keine Rolle — weiß man kaum noch, wie man sich zu benehmen hat, und man lebt sich in nachlässige Formen und Gewohnheiten ein, die der Kamerad aus Berlin oder Hannover abscheulich finden würde. Der Kasinoton, den wir allmählich hier ganz normal und selbstverständlich finden, würde in einer anderen Garnison unmöglich sein, weil dort die Menschen mehr mit anderen, täglich mit neuen, zusammen kommen, und so stets auf gute Sitten angewiesen sind. Stecken aber dieselben Menschen das ganze Jahr zusammen, allein, für sich abgeschlossen, dann lassen die Formen nach, und man wird schrittweise ein Salonflegel.«

»Das ist ja nur natürlich, Herr Rittmeister! Man lebt hier wie in einem Taubenschlag beisammen, und jeder hat natürlich nichts Besseres zu tun, als seinem Nachbar auf die Finger zu sehen und sich in alles zu mischen, was er tut und läßt, weil ihn andere Dinge nicht beschäftigen, einfach weil es die in einer so kleinen Garnison gar nicht gibt.

Daraus entstehen dann diese ewigen Stänkereien, und dazu kommt, daß man in diese weltvergessenen Nester oft Elemente setzt, die man in einer anständigen Garnison nicht brauchen kann, aber nicht ganz hinauswerfen möchte. Alle Augenblicke hört man: strafversetzt nach Mörchingen, Lyck oder wie die Nester alle heißen.«

»Sehr richtig!« gab König eifrig zur Antwort. »Wer wo anders etwas verbrochen hat, kommt meist in eine Grenzgarnison, um ihn unschädlich zu machen. Man bedenkt aber nicht, das diese oft nicht einwandfreien Elemente unter einander mehr Unheil anrichten, als wenn sie zwischen einer mindestens gleich großen Zahl anständiger, tadelloser Kameraden lebten.

Fast alle Skandalgeschichten in Offizierkorps passieren an der Grenze in solchen Nestern, die meist erst dadurch bekannt werden, weil sie nur auf großen Landkarten stehen.

Hätten nun wenigstens die Offiziere hier Gelegenheit, ihren eigenen Wegen nachzugehen. Aber nein, sie sind gezwungen, fast nur im Kasino zu verkehren. Anderweitige Abwechslung, wie sie größere Städte in Hülle und Fülle bieten, gibt es nicht, und wer Lust hat, jeden Abend in derselben Kneipe dasselbe Bier zu trinken und dabei stets das Gewäsch derselben Menschen anzuhören, welches sich selten um anderes, als um langweiligen Stadtklatsch dreht? Das kann einer auf die Dauer nicht aushalten, denn die übrigen Kneipen des Ortes sind ihm verboten, weil sich Kreti und Pleti darin herumtreibt. Man geht also in's Kasino und trinkt aus purer langer Weile so lange, bis man genug hat, und dann entstehen die berühmten Skandalgeschichten. Bei diesem ewigen Zusammenhocken muß es ja zu Reibereien kommen, es sind doch schließlich alle verschieden geartete Menschen mit verschiedener Auffassung und Erziehung. In einer großen Garnison geht man nur ins Kasino, wenn man einen bestimmten Zweck damit verbindet, denn die Langeweile kann man sich hier anders vertreiben, als mit sinnlosem Gesaufe.

Und ist einer gar noch hinter den Weibern her, dann ist erst recht der Teufel los. Sie haben ja hier die schönsten Beispiele: In einer Großstadt bieten sich seinen Gelüsten genug von dieser Sorte an, hier aber fehlen solche Existenzen, man vergreift sich also an den Frauen der Kameraden.«

»Aber Offiziere müssen diese kleinen, meist sehr wichtigen Grenzgarnisonen doch auch haben!« warf Bleibtreu ein.

»Gewiß,« entgegnete König eifrig, »man soll nur nicht so viele Minderwertige dahin schicken, sondern in erster Linie einwandfreie Offiziere mit anständiger Gesinnung und tadellosem Vorleben.