Und das ganz besonders, wenn man diese Grenzgarnisonen als so wichtig bezeichnet, denn leichtsinnige Sumpfhühner werden in der Regel keine brauchbaren Offiziere sein, wenn man im Ernstfalle erhöhte Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit stellt.
Aber jeder hält es für eine ganz besondere Strafe oder wenigstens für ein gewaltiges Pech, an die Grenze zu kommen, und schon das verleidet ihm oft die ganze Lust am Soldatenspielen. Himmel und Hölle werden in Bewegung gesetzt, um ja in einer anständigen Garnison zu bleiben. Der Gardeoffizier oder der aus einem feudalen Regiment verlebt seine ganze Dienstzeit herrlich und in Freuden in einer Großstadt. Warum vertrauert unsereiner seine schönsten Jahre in so einem Drecknest?«
»Wahrscheinlich stößt man sich an den Kosten der Reisen durch viele Versetzungen, die dann doch eine bedeutende jährliche Mehrausgabe im Staatshaushalt bedeuten würden,« sagte Bleibtreu.
»Das ist kein Grund, wenn man ernstlich will, geht alles. Jährlich strömen hunderte von Offizieren zu allen möglichen Kommandos in Berlin zusammen. Wenn diese beendigt sind, kann man ja jeden in eine andere Garnison schicken, dadurch entstehen nicht mehr Kosten, als wenn er in sein Stammregiment zurückkehrt. Dafür kommen wieder andere Offiziere nach Berlin, und diese dann wieder in andere Garnisonen. So gleicht sich der Offizierersatz prächtig aus, für einen Offizier, den das X. Regiment zur Ausbildung nach Berlin schickt, bekommt es einen Ausgebildeten zurück, der früher in Y. gestanden hat. Außerdem könnte man alljährlich außer der Reihe noch eine Auswechslung vornehmen, und dafür an einer anderen Ecke etwas sparen.
Statt dessen aber besteht der Ersatz für Grenzgarnisonen, die außer vielleicht ein paar Kadetten keinen Nachwuchs an Fähnrichen haben, zum großen Teil aus Sündern und solchen, die sich in anderen Garnisonen unmöglich gemacht haben, abgesehen von höheren Offizieren, welche ein Grenzregiment für eine Auszeichnung halten, weil sie dann dem Feind am nächsten sind und zuerst draufhauen dürfen, wenn es losgeht.
Aber auch das ist nur noch eine Illusion. Heutzutage, wo die Aussichten auf einen Krieg immer geringer werden, steht der Vorzug, dem Feind am nächsten zu sein, nur noch auf dem Papier.
Bei dem jetzigen System müßte es Grundsatz sein, keinen Offizier länger als zwei, höchstens drei Jahre in einer Grenzgarnison zu belassen. Dann würde sich die Armee vor viel Schaden sichern, sowohl hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit, als auch besonders ihres Rufes.
Außerdem wäre eine schreiende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.«
Bleibtreu nickte beistimmend, als König seine Ausführungen beendet hatte und sagte:
»Ich stimme Ihnen durchaus bei, Herr Rittmeister! Aber trotz alledem könnten Sie es doch noch einmal in einer anderen Garnison versuchen, denn nach einer so langjährigen Dienstzeit würde ich es an Ihrer Stelle doch wenigstens bis zum Rittmeister erster Klasse aushalten. Das ist noch eine Zeit von ein bis zwei Jahren, und dann haben Sie einen bedeutenden Pensionsvorteil. Ist die neue Garnison nicht nach Wunsch, so bleibt zum Abschiednehmen noch genügend Zeit!«