»Gilt diese Bestimmung auch für die verheirateten Herren zum Besuch von Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?«
»Natürlich, ich will über jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie oft er die Garnison verläßt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als Übertretung, sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.«
Es entstand eine Pause, während welcher der Oberst sein Taschentuch herausholte und damit das linke Auge wischte.
Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen, glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Empörung zu lesen.
Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vögel nicht Maß halten konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas Bier, gehörte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen Wünsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen, den er da drüben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und billiger sei, so hieß es: Nein, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus dürfe: Dafür bin ich Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!
So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfähigkeit als Kommandeur und seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, daß man um Erlaubnis bitten mußte, ein Glas Bier in der eigenen Garnison trinken zu dürfen. Aber das kam vielleicht noch später! — Daß der Oberst besonders den jüngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergnügungen nachgehen wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er hatte ein neues Förderungsmittel der Disziplin und des militärischen Gehorsams in die Welt gesetzt. —
»Nunmehr, meine Herren,« fuhr der Oberst fort, »wollen wir zur Wahl des Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt, und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß die Art und Weise, wie Sie Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu großem Danke verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des größten Teiles seiner Mußestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Höhe zu bringen, hat unser Vermögen vergrößert und zahlreiche sehr wohl bedachte Änderungen und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir können nichts Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand andere Vorschläge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel vornehmen.«
Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle für das weitere Geschäftsjahr als Kasinodirektor gewählt.
»Ich sehe davon ab,« setzte der Oberst noch hinzu, »die Bücher zu revidieren, denn ich bin sicher, daß ich alles in bester Ordnung finden würde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, daß die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall ist. Die beiden Kontos mit den höchsten Beträgen sind allerdings heute bezahlt worden, aber ich werde rücksichtslos vorgehen, wenn nicht zum Ersten nächsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach! Ich danke, meine Herren!«