Gewiß gab es Fälle, wo Angehörige eines Offizierkorps sich auch wirklich innerlich verbrüderten, wo eine treue, zu jedem Opfer fähige Freundschaft die Herzen verband, aber zwei solche Kameraden im echten Sinne des Wortes waren ja so selten, eine so außergewöhnliche Erscheinung! Ging es einem gut und hatte man nichts verbrochen, so war man allen gut Freund, d. h. der Verkehr mit den Kameraden bewegte sich in liebenswürdigen Formen, man prostete sich zu, man scherzte, trank, vergnügte sich zusammen und erwies sich Gefälligkeiten, welche für den, der sie leistete, meist kein Risiko, keine Unannehmlichkeit, kein Opfer bedeuteten. Aber die Kameradschaft als solche fordert weit mehr! Befindet sich ein Kamerad auf schiefer Bahn, beweist er, daß es ihm hier und dort noch fehlt und kehrt er Seiten heraus, die anderen peinlich, unangenehm werden, oder hat er aus Unverstand, Unkenntnis, mangelnder Erziehung etwas Falsches, Tadelnswertes begangen, so weist man ihn höchstens, wenn es überhaupt geschieht, in schroffer Form auf seine Fehler hin, anstatt in liebevoller, freundschaftlicher Weise bemüht zu sein, die Schwächen seines Nächsten zu heilen, seine Eigenheiten zu berücksichtigen, seine Fehler mit den eigenen zu vergleichen, ja, man läßt ihn links liegen und behandelt ihn wie einen Menschen, der wenig oder gar nichts taugt und eben nicht »hineingehört«; nur dann drückt man ein Auge zu, wenn von dem Sünder noch ein Vorteil zu erwarten steht oder wenn er sich durch andere Verdienste und Leistungen besonders beliebt gemacht hat.

Wieviel besser war doch ein Civilist daran! Fand er keinen wahren Freund, so lebte er für sich, ohne gezwungen zu sein, bei allen Mahlzeiten und sonstigen Gelegenheiten mit Menschen zusammen zu sein, denen man innerlich fremd blieb.

Im Dienst ist das eine andere Sache.

Solche Gedanken beschäftigten Bleibtreu, als Rittmeister König aus dem Saale kam und sich neben ihm auf dem Sopha niederließ.

»Das nennt der Mensch nun ein Vergnügen!« brummte er. »Wahrscheinlich wird man uns noch öfter mit solchen Festen langweilen, um uns zu ersetzen, daß wir nicht mehr nach der Stadt hinüber dürfen. Meine Frau wird schöne Augen machen, wenn ich ihr das erzähle!«

»Ich muß auch sagen, Herr Rittmeister, daß ich die heutige Verordnung haarsträubend finde,« stimmte Bleibtreu zu. »Hätte es der Oberst den Leutnants allein verboten, so wäre es hart und dabei noch ungeschickt, aber den Verheirateten gegenüber ist es eine tolle Bevormundung und eine beispiellose Rücksichtslosigkeit. Er fährt natürlich, so oft er Lust hat!«

»Solche Feste wie heute möchten ja noch angehen, wenn sie im allgemeinen Einverständnis oder auf vorherige Verabredung hin veranstaltet würden, aber nein, Madame Stark befiehlt und wir gehorchen! Denn es sollte einer kommen und sagen, er hätte etwas anderes vor, der Oberst würde ihn morgen ganz gehörig zurechtstutzen. Sie haben ja wieder ein kleines Exempel gehabt.«

»Nicht einmal trinken kann man, was man will,« fuhr der Rittmeister fort, »der Oberst braut einfach eine Bowle und wir bezahlen. Die kostet heute doch mindestens sechs Mark pro Mann. Er kann ja gar nicht wissen, ob ich nicht vielleicht nur für eine Mark trinken will, vielleicht Bier oder Selterswasser! Hinterher aber stellt er sich hin und raisonniert über die Kasinoschulden!«

»Sie haben recht, es wäre manchem dienlicher, wenn er etwas sparsamer lebte, z. B. diesem Borgert und wie sie alle heißen. Es ist traurig, daß unter den sämtlichen Herren noch nicht der dritte Teil zu rechnen versteht,« erwiderte Bleibtreu.