»Ja ja,« sagte König, »aber das ist einer der Krebsschäden unseres Standes. Es ist ja kaum glaublich, wie viele Offiziere alljährlich wegen Schulden um die Ecke gehen. Und wie kommt das? Warum können junge Leute in anderen Stellungen vernünftiger wirtschaften? Erstens, weil sie nicht gezwungen sind, mit Leuten zusammen zu leben, die in besseren Verhältnissen sind. Hat einer kein Geld, dann lebt er nach seinem Gusto und fühlt sich schließlich ganz wohl dabei. Aber im Kasino sitzt der Kapitalist neben dem armen Schlucker. Es ist leicht gesagt, die Reichen im Offizierkorps sollen ihre Lebensweise den Mitteln der ärmeren Kameraden anpassen. Ich kann aber doch unmöglich verlangen, daß ein Millionär zum Essen Wasser trinkt und auf eine elegante Wohnung oder schöne Pferde verzichtet, lediglich, um einen Kameraden mit fünfzig Mark monatlichem Zuschuß nicht zum Mittun zu verführen! Auf die Dauer gefällt dem Unbemittelten sein bescheidenes Dasein nicht mehr, wenn er sieht, wie besser gestellte Kameraden in Saus und Braus dahinleben, und das Ende: er macht eben mit. Geld braucht er nicht gleich, auf seinen bunten Kragen hin borgt man ihm, so viel er will. Geht es aber ans Zahlen, dann ist das Elend groß. Findet sich nicht ein rettender Engel in Gestalt eines Juden oder dergleichen, so geht er einfach über die Höhe. Und bei den Versuchen, Geld zu erlangen, kommt es oft zu unsauberen Machinationen. Vielleicht scharrt der Vater noch seine letzten Groschen zusammen und gewöhnt sich die Abendcigarre ab, um den Jungen über Wasser zu halten. Und gelingt es dem jungen Offizier wirklich, aus der Klemme herauszukommen, so fängt er bald von Neuem an in dem schönen Vertrauen, daß sich auch das nächste Mal eine offene Hand finden werde.«
»Dagegen läßt sich aber doch kaum etwas machen, jeder ist eben für sich selbst verantwortlich,« entgegnete Bleibtreu.
»Nichts machen ließe sich da?« rief der Rittmeister. »Ei gewiß. Man braucht nur ein Gesetz aufzustellen, etwa dahin lautend, daß die Schulden des Offiziers bis zum Rittmeister ausschließlich nicht einklagbar sind. Dann werden sich die Kaufleute schon vorsehen und nicht mehr ins Blaue hinein einem Leutnant von dreiundzwanzig Jahren borgen, dessen Verhältnisse sie gar nicht kennen. Einem Civilisten, der vielleicht dreimal so viel Geld hat, wie jener, borgt man nicht für hundert Mark, wenn man nicht genau weiß, wer und was er ist, wie er steht usw., aber an den Offizier drängen sich die Geschäftsleute geradezu heran, weil sie wissen, sie bekommen ihr Geld in den meisten Fällen, weil es sonst dem Schuldner an den Kragen geht.«
»Ich meine, es ist überhaupt die ganze Sonderstellung des Offiziers, die ihn zu einem kostspieligen Leben veranlaßt. Man sollte daher wenig Bemittelte einfach ausschließen,« versetzte Leutnant Bleibtreu.
»Das wäre übertrieben, aber energische Schritte sollte man tun gegen solches Luxustreiben,« fuhr König fort. »Es ist schön und wohlgemeint, wenn man verordnet: »je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, umso mehr soll der Offizier auf eine einfache Lebensweise bedacht sein.« Das ist ein frommer Wunsch, man wird es aber niemals tun, wenn man bei anderen Klassen ein gesteigertes Wohlleben bemerkt, denn der Offizier hält sich rücksichtlich seiner bevorzugten gesellschaftlichen Stellung für verpflichtet, wie kein anderer, diesen Luxus wenigstens mitzumachen, wenn nicht gar zu übertreffen. Er hält sich eben für mehr wie andere, und der Leutnant sieht oft mit Verachtung, mindestens aber mit einem bedauernden Lächeln auf die herab, die sich durch ihrer Hände Arbeit oder durch geistiges Schaffen der Welt nützlich machen. Dieser Dünkel ist der Fluch unseres Standes und geeignet, Volk und Offizierkorps immer mehr von einander zu entfernen, während das Gegenteil zu wünschen ist, denn das Volk muß seinen männlichen Nachwuchs dem Offizierkorps zur Erziehung in die Hände geben. Wenn aber das Vertrauen zu ihm mehr und mehr schwindet, dann wird auch die Lust am Soldatsein, die damit Hand in Hand gehende Vaterlandsliebe, allmählich getötet. Man sollte den Offizier mehr geistig beschäftigen und ihm zeigen, was ihm in Vergleich zu anderen Ständen fehlt, und welchen Nutzen diese für den Staat bedeuten. Dann würde er die ihm von niemand streitig gemachten Prärogative und Privilegien dankbar anerkennen lernen, statt in ihnen einen Grund zur Selbstüberhebung zu erblicken.
Und in dieser haben noch andere Mängel ihren Ursprung. Sie ist schuld daran, daß so viele Offiziere in dem gemeinen Soldaten nicht den zukünftigen Vaterlandsverteidiger und Kameraden sehen, den sie fördern sollen, sondern nur den Gegenstand zahlreicher Mühen und reichlichen Ärgers. —
Und damit wird ein neues Übel in die Welt gesetzt. Der junge zwanzigjährige Mann fühlt mit innerem Mißbehagen diese Entfremdung von seinem Vorgesetzten. Er verliert allmählich die Lust an seinem bunten Rock, besonders, wenn die Vorgesetzten noch mit übertriebenen Anforderungen an ihn herantreten oder Ungerechtigkeit in der Behandlung walten lassen. Solange der Soldat unter dem Druck des Militarismus steht, wird er sich schwer hüten, seinen Ansichten Ausdruck zu verleihen, ist er aber der militärischen Fesseln los und ledig, wird sich meist sein vielleicht vorhandener Hang zum Sozialismus umso kräftiger entfalten, nach den Erfahrungen, die er in seiner Dienstzeit gemacht. Und das ist schlimm, wenn ein Hauptmittel zur Bekämpfung des in riesigem Wachsen begriffenen Sozialismus, nämlich die Dienstzeit der noch einer Beeinflußung und Belehrung zugänglichen jungen Leute, in ein Förderungsmittel umschlägt, und das tut es, solange man aus dem Offizierkorps heraus derartige Vorbilder als militärische Erzieher wirken läßt.«
»Sollten das alles nicht nur vorübergehende Erscheinungen sein, an denen der Offizierstand krankt?« warf Bleibtreu ein.
»Nein, das ist gerade das Traurige, es sind fest eingewurzelte Krebsschäden. Aber selbst diese könnten eingedämmt oder ganz und gar vernichtet werden, wenn man sich mit allem Ernst der Sache annehmen wollte, statt sich in dem Dünkel zu wiegen, daß ein deutsches Offizierkorps oben an stehe und keiner Reform bedürfe. Noch ist es Zeit zu retten, denn jene Mißstände haben noch keine Form angenommen, die eine Unterdrückung unmöglich macht, noch haben wir trotz aller Übel vortreffliche Leistungen zu verzeichnen, und der Ruf unseres Heeres im Ausland ist ein glänzender. Aber Eile tut not, man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist. Eine Armee ist eben zum Kriegführen da, und deshalb muß sie unter einem dreißigjährigen Frieden leiden. Aber wir brauchen keinen Krieg, um jene Übel zu töten, sondern Männer mit Umsicht und einem klaren Kopf, die offen eingestehen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark.«
König hatte sich ordentlich warm geredet. Er tat einen tiefen Zug aus dem Bierglase, das ihm soeben eine Ordonnanz gereicht, er hatte nämlich dem Oberst zum Trotz auf die Bowle verzichtet. Es war ihm Bedürfnis, sich ab und zu alles von der Leber herunter zu reden, was ihn bedrückte, und war das geschehen, so fühlte er sich wohl und frei.