»Daß ich betrunken war, ist nicht nur meine Schuld, in erster Linie mußten andere.....«

Borgert schnitt ihm das Wort ab, um nichts zu hören, was ihn als Vorwurf treffen konnte. Mit ironischer Miene fiel er ein:

»Sie scheinen sich über die Schwere Ihrer Handlungsweise nicht ganz im Klaren zu sein, deshalb möchte ich Sie nochmals darauf hinweisen!«

»Ihrer Belehrung darüber bedarf ich nicht, ich weiß selbst, was ich......«

»Pardon, ich rede wohl, mein Verehrter, ich gestatte Ihnen nicht, mich zu korrigieren, denn ich bin gekommen, Sie zu korrigieren!«

Pommer wollte auffahren, aber die kalten Augen und der entschiedene, schneidende Tonfall der Worte des Oberleutnants geboten ihm Schweigen.

»Was Sie da getan haben, ist das schwerste Vergehen gegen die Kameradschaft, welches ich mir denken kann. Die Frau eines Kameraden anfassen, heißt einen Treubruch, fast ein Verbrechen begehen, welches mit Recht eine schwere Sühne fordert. Bedenken Sie nur, was Sie tun würden, wenn Sie Ihre Gattin in den Armen eines anderen fänden, ich glaube, Sie würden ihn sofort umbringen oder wenigstens nachher zum Zweikampf auf Leben und Tod herausfordern. Sie aber haben sich an einer verheirateten Frau vergriffen, an einem Etwas, das uns ein Nolimetangere, ein Heiligtum sein soll! Schon ein Händedruck, ein Blick kann zum Ehebruch werden, allein der geheime Wunsch, die Frau eines anderen zu besitzen, zu küssen! Können Sie dem Manne jetzt noch ehrlich ins Gesicht sehen, nachdem Sie ihn so hintergangen und betrogen haben? Ich könnte es nicht! Ich würde vor ihn treten, meine Sünde freiwillig eingestehen und ihm Genugtuung geben. Nie hätte ich von Ihnen geglaubt, daß Sie einer solchen Handlungsweise fähig wären, schämen Sie sich bis in den Grund Ihrer Seele! — Ich will Sie nun nicht ins Unglück stürzen und den Fall nicht weiter verbreiten, denn sonst dürften Sie verloren sein. Abgesehen von Ihrer Stellung würde Ihr Leben auf dem Spiele stehen. Ich erwarte aber von Ihnen, daß Sie noch heute der Dame einen Besuch machen, um Verzeihung bitten und sich vergegenwärtigen, was ich für Sie getan habe!«

Borgert reckte sich siegesgewiß in die Höhe und mit überlegenem Blick schaute er auf den armen Pommer herab, dessen erst widerwillige Miene allmählich den Ausdruck stiller Ergebenheit, eines großen Schuldbewußtseins angenommen hatte. Immer mehr war der große starke Mann auf seinem Stuhl zusammengesunken und sein leerer Blick starrte wie leblos zu Boden.

Zwei dicke Tränen blinkten ihm im Auge, der Mann weinte. Tat er es, weil seine Schuld ihm so schwer auf dem Gewissen lag, oder weil er vielleicht gar noch vor die Pistole des betrogenen Gatten treten mußte? Nein, gefehlt hatte er nun einmal, und er war Manns genug, die Folgen zu tragen. Feige war er nicht.

Aber er schämte sich! Und das Gefühl der Scham ist es, welches den Mann am meisten vor sich selbst erniedrigt.