Wochen und Monate vergingen.
Das Paar traf oft zusammen, machte Spaziergänge im nahen Wäldchen, begegnete sich »zufällig« auf der Straße oder genoß, wenn der Gatte abwesend war, ein Schäferstündchen in Frau Gretes traulichem Boudoir.
Pommers Zuneigung zu dem pflichtvergessenen Weibe hatte ihn in der ersten Zeit ganz in ihren Bann gezogen. Doch war jener Reiz mehr sinnlicher Art gewesen, einer wahren inneren Liebe fand er sich nicht fähig zu einer Frau, deren seichte Moral, deren oberflächliche Anschauungen über die Pflichten einer Gattin und Mutter, deren rückhaltlose Hingabe an den ersten, welcher ihr seine Liebe gestand, ihren inneren Wert bald hatten erkennen lassen. Und so gab es Stunden, wo dem Manne der Verkehr mit der heißblütigen, hysterischen Frau allmählich überdrüssig schien, denn es fehlte der innere Kern, der moralische Halt dieses Verhältnisses, und wie bald ist der Mensch von Genüssen übersättigt die sich in regelmäßiger Folge wiederholen und nicht im Herzen wurzeln, wie sie allein uns auf die Dauer mit Freude erfüllen! So ward aus der Zuneigung mit der Zeit eine schroffe Abneigung, eine Art Ekel und Widerwillen gegen jene Frau, welche in seinen Augen mit jedem Tage an Wert verlor und den Mangel an weiblicher Tugend mehr und mehr erkennen ließ, sie war ihm nur noch das Weib, wie es als solches die Schöpfung dem Mann bot.
Und je mehr diese Empfindung in ihm wuchs, um so geringer galt ihm das Vergehen, welches ihm früher als ein ehrloses Verbrechen erschien und sein Gemüt bedrückte. Aber offen eingestehen, daß sie ihm nicht genüge, daß er an ihren Reizen keinen Genuß mehr finde, das konnte er nicht, es schien ihm unmännlich und undankbar, denn hatte er nicht auch schöne Stunden durch sie genossen? —
Schreiben mochte er nicht, das war zu gefährlich, denn kam dem ahnungslosen Gatten der Brief in die Hände, konnte die Sache noch ein übles Nachspiel haben, und das war sie nicht wert.
Hätte Pommer in Frau Gretes Innerem lesen können, wäre er ein Frauenkenner gewesen, so hätte er bald eingesehen, daß eine Lösung des Verhältnisses nur eines einzigen Wortes bedurfte, denn auch sie fand keinen Reiz mehr im Verkehr mit einem Manne, der ihr zu pedantisch, zu linkisch und unbeholfen vorkam, der sich auf jedes Schmeichelwort besinnen mußte und immer erst einen Rippenstoß brauchte, den gebotenen Genuß zu kosten. Sie liebte das Feurige, das stürmische Sichhingeben, ohne das ewige Grübeln über Recht und Unrecht! Wem sie ihre Liebe gab, der mußte mit vollen Zügen den Freudenbecher trinken und ihn von neuem begehren, war er in wilder Leidenschaft geleert!
Als dann Pommer eines Tages die Mitteilung erhielt, daß er unter Beförderung zum Oberleutnant versetzt sei, kostete es ihm keine große Überwindung, von Frau Kahle Abschied nehmen zu müssen.
»Ich gehe fort, wir sehen uns nicht wieder!«, hatte er mit kühler Ruhe gesagt.
Und sie stieß einen Schrei aus und sank wie niedergeschmettert auf den Divan.
Da hatte er leise die Tür geöffnet und war verschwunden. Sie aber schaute ihm durchs Fenster nach, und als er um die Ecke gebogen, schlug sie den Flügel auf und spielte einen lustigen Walzer von Strauß.