Da fiel ihr ein, man könnte sie herzlos nennen, wenn sie die Trennung so leicht überstände; und so schrieb sie einen acht Seiten langen Brief an Oberleutnant Borgert, indem sie den Schmerzen und Seelenqualen einer betrogenen, unglücklichen Frau beredten Ausdruck verlieh. —
So sehr waren ihre Worte von dem Empfinden eines wahren, tiefen Schmerzens durchweht und so rührend, tief ergreifend die Ausbrüche des Jammers um den verlorenen Geliebten, daß niemand sich denken konnte, das alles sei nur ein Schauspiel, die virtuos durchgeführte Rolle einer Ophelia oder Desdemona. —
Selbst die Herrn des Offizierkorps konnten eine stille Teilnahme nicht unterdrücken, als Borgert am Abend den Brief im Kasino verlas, nur einer rief mit verschmitzter, verständnisinniger Miene:
»Fauler Zauber!«
Wußte er das aus Erfahrung? —
[Drittes Kapitel.]
Am Spätnachmittag eines Herbsttages saß in seiner angenehm durchwärmten Stube der Vizewachtmeister Roth und mit ihm Sergeant Schmitz am Kaffeetisch.
Die Einrichtung des im ersten Stock der Kaserne gelegenen Raumes machte den Eindruck der Wohlhabenheit, und man hätte beim ersten Anblick glauben können, ein Mitglied der »oberen Zehntausend« habe hier sein Lager aufgeschlagen, wenn sich nicht das Meiste bei näherer Betrachtung als überladener, wertloser Putz entpuppt und darauf hingewiesen hätte, daß nur die Sucht, dem Raum einen gediegenen Geschmack zu geben, welcher gerade in der Einfachheit zu wirken sucht, diese tote Pracht geschaffen. Die grün und blau geblümte Tapete war durch große Bilder in schweren Eichen- und Goldrahmen stellenweise ganz verdeckt. Über dem Sopha aus rotem Plüsch hing eine Reproduktion von Lenbach's »Fürst Bismark«, rechts und links davon die Bildnisse zweier Pferde, in Öl gemalt. An der Wand gegenüber stand ein Klavier von schwarzem Holz mit silbernen Armleuchtern, obgleich weder der Vizewachtmeister Roth noch seine Gattin, eine frühere Ladenmamsell, in die Kunst des Klavierspielens eingeweiht waren. Doch mit diesem Klavier, auf welchem nur allsonntäglich ein junger Unteroffizier der Schwadron mit monotoner Akkordbegleitung die »Donauwellen« hervorzauberte, hatte es seine besondere Bewandtnis, und nie ruhte der Blick des Besitzers ohne einen gewissen Groll auf der schuldlosen »Drahtkommode«.