Im ersten Jahre ihrer Ehe nämlich hatte es die Frau Wachtmeisterin oft schmerzlich empfunden, nicht ein Klavier oder gar einen Flügel, das Kennzeichen einer »gebildeten« Einrichtung, ihr eigen nennen zu können, denn die Kollegin der zweiten Schwadron besaß ein Instrument. Sie bedauerte aber das Fehlen eines solchen umso mehr, als sie häufig behauptete, in ihrer Jugend Klavierunterricht genossen zu haben.

Roth sprach daher des öfteren mit Nachdruck gegenüber den vier Einjährigen der Schwadron von den Talenten seiner Lebensgefährtin auf musikalischem Gebiete, die nun elend verkümmern müßten, da er zur Anschaffung eines »Pianinos« nicht die nötigen Mittel besäße. Es hatte ihn daher kaum gewundert, als er eines Tages jenen »schwarzen Wimmerkasten«, wie er ihn nannte, in seinem »Salon« vorfand mit einer schriftlichen Widmung der gütigen Spender.

Als aber für die Einjährigen der Tag der Entlassung kam, kam für den entsetzten Wachtmeister ein großer Wagen, dessen Rosselenker die Weisung hatte, das für sechs Monate gemietete Klavier wieder abzuholen. Um nicht zum Gespött der Kameraden zu werden und auf flehentliches Bitten seiner Gattin kaufte Roth das Klavier auf Ratenzahlung von zehn Mark monatlich, und nun stand das unselige Instrument unbenutzt an der Wand, während die Rechnung dafür noch lange nicht abbezahlt war und es jeden Ersten einen köstlichen Goldfuchs verschlang. Daher die Wut des Wachtmeisters auf dieses Prunkstück seines Salons!

Über dem Klavier prangte ein gewaltig großer Stahlstich von Vernet's bekanntem »Leichenschmaus« in schwerem Brokatrahmen, an dessen Ecken je ein kleiner japanischer Fächer befestigt war.

Neben dem Klavier stand ein Vertikow aus Nußbaum und darauf sechs grüne Weingläser, diesmal ein bar bezahltes Geschenk früherer Einjähriger. Auch ein großer eichener Schreib-Tisch fehlte nicht, dessen Ecke von einem Vogelbauer mit gelbgefiedertem Bewohner zweckmäßig besetzt war, während ein Lineal, ein gewaltiges Schreibzeug aus Hirschhornstangen und ein Federhalter die berufliche Ausrüstung dieses Hausmöbels darstellten. Über dem Schreibtisch hing, von Rehgehörnen umgeben, ein großes Kaiserbild, darunter zwei gekreuzte Säbel und eine Kukuksuhr. Ein großer Blumentisch stand am Fenster, bei näherer Betrachtung aber ergab sich, daß die Blüten nicht in einem Gewächshause, sondern unter der Schere einer geschickten Blumenmacherin erblüht waren.

Den Boden bedeckten zwei weiße Felle und drei Teppiche, sowie ein echter Kelim unter dem Sophatisch, über dessen Kanten eine blaue Plüschdecke mit großen Quasten fast bis zum Boden herabhing.

Durch die beiden nach Osten gelegenen, mit schweren Portieren behangenen Fenster sah man heute dunkelgraue Wolkenmassen am Himmel dahintreiben, ein eintöniges, farbloses Meer, aus dem ab und zu kalte Regen- oder Hagelschauer sich lösten und, vom heulenden Winde getrieben, wie gewaltige Wogen über die Stadt und die öden Felder wälzten.

Wenn der Regen so gegen die Scheiben prasselte, und der Wind im Ofenrohre pfiff, dann fühlte man sich um so wohliger in der warmen Stube und bedauerte die Kameraden, welche jetzt draußen im Freien Dienst tun mußten.

Es war die Zeit, zu welcher das Regiment alljährlich seine Reservisten einzog und sie in den hinter der Kaserne gelegenen Baracken unterbrachte. Dann war es oft nicht angenehm, bei einem Hundewetter wie heute auf dem Exerzierplatz herumstehen zu müssen, und man beneidete die Rekrutenunteroffiziere, welche im Stall oder auf den Stuben Instruktion abhalten durften.

Einen Vorteil aber brachte die Reserve doch. Man bekam eine Zulage, und besonders Roth, der als Wachtmeister zur ersten Reserve-Eskadron kommandiert war, stand sich ganz gut dabei. Ferner sah man mitunter einen alten Bekannten älterer Jahrgänge wieder, auch frühere Einjährige befanden sich unter den Reservisten und hatten meist einen offenen Beutel, wenn sie sich dadurch den Dienst etwas erleichtern konnten.