Die Richter waren aus dem Sitz des Generalkommandos herübergekommen und saßen mit ernsten Gesichtern an dem langen Tisch, ein Major, ein Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Kriegsgerichtsrat als Führer der Verhandlung und ein zweiter, welcher die Anklage erhob.
Nachdem Schmitz nochmals den Sachverhalt geschildert, wurde Roth als Zeuge vernommen. Er stellte die Angelegenheit im grellsten Lichte dar, wollte nichts von einer Freundschaft wissen und leugnete auch auf das Entschiedenste, ebenfalls betrunken gewesen zu sein, wie es Schmitz behauptete. Als Zeugen seiner Nüchternheit hatte er den Lungenkranken und den Polen gewonnen, welch' letzterem er eingepaukt hatte, auf alle Fragen mit dem Kopfe zu schütteln, womit er auch Glück hatte, da die Fragen zufällig entsprechend gestellt waren. Schließlich beschwor der Vicewachtmeister mit fester Stimme die Wahrheit seiner Aussage.
Das war allerdings eine unerwartete Wendung. Schmitz hatte nicht erwartet, auch noch mit der Lüge kämpfen zu müssen, und seine Hoffnungen sanken beträchtlich, als er den Major mißbilligend mit dem Kopfe schütteln sah.
Es folgte sodann die Anklagerede des Kriegsgerichtsrats, die etwa wie die Anklageschrift lautete.
Sodann erhob sich der Verteidiger. Mit beredten Worten schilderte er nochmals den Vorgang, erwog die näheren Umstände, wies auf das ihm durch Zeugen bestätigte frühere Verhältnis der Gegner und schließlich darauf hin, daß sich der ganze Vorgang im Anschluß an eine Geburtstagsfeier zugetragen habe. Nach alledem, und mit Rücksicht auf die bisherige Führung des Angeklagten sei auf Freisprechung zu erkennen.
Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und es dauerte lange, bis die Herren mit ernsten Gesichtern wieder im Verhandlungszimmer erschienen.
Schmitz glaubte einen Augenblick die Besinnung verlieren zu müssen, als er das Urteil vernahm: zwei Monate Gefängnis!
Er sah sein Leben vernichtet. Umsonst waren die langen Jahre, die er mit Aufopferung seiner besten Kraft dem Vaterlande gedient; seine Zukunftspläne, nach zwölfjähriger Dienstzeit eine Anstellung am Bürgermeisteramt seiner Vaterstadt zu erhalten, waren mit einem Schlage vernichtet. Was würden seine Eltern, seine Geschwister sagen, was sollte aus seiner Braut werden?
Eine namenlose Wut packte ihn, den Mann hätte er auf der Stelle würgen können, der mit Gemeinheit, Lüge und Meineid sein Dasein zerstört und jetzt mit höhnischer Miene an ihm vorüberschritt. Ja, er hörte den Kommandeur zu dem ehrlosen Lumpen sagen: »So ist's recht, Roth, scharf im Dienst, so wünsche ich mir meine Unteroffiziere.«