»Ist ein Brief für den Röse da?«

»Ein Brief nicht, aber ein Packet habe ich für ihn vom Wachtmeister bekommen!«

»Weiß du was?« flüsterte der Wachthabende, »mach die Kiste auf und bring dem Kerl was rüber, das arme Luder tut mir leid.«

Der Berittführer nickte und verschwand, um bald mit einem Brief, einer Wurst und einem Stück Kuchen zurückzukehren. Der Wachthabende nahm alles in Empfang und stieg zu Röse hinauf. Gleichzeitig hieß er einen Mann mit einem Eimer Kohlen mit sich gehen.

Nach wenigen Minuten flackerte das Feuer in der Zelle wieder hell und Röse stand davor, um beim flackernden Schein den Brief der Eltern zu lesen. Dabei rannen ihm beständig die Tränen über die Backen. Dann versteckte er wie einen kostbaren Schatz Wurst und Kuchen hinter der Pritsche, hüllte sich in seine Decke ein und legte sich auf das harte Holzbett nieder.

Bald schloß der Schlaf die verweinten Augen, und im Traum saß Röse daheim unter'm Weihnachtsbaum im Kreise seiner Eltern und Geschwister.

Der 28. Dezember war ein Trauertag für die vierte Schwadron.

Die Leute, die erst am Abend vorher von Urlaub zurückgekehrt waren, gaben heute einem Kameraden das letzte Geleit: man trug den Gefreiten Dietrich zum Friedhof hinaus.

Er war stets ein schwächlicher Mensch gewesen. Damals aber, als er erhitzt und vom Regen durchnäßt in die kalte Stube kam und kein Feuer anbrennen konnte, weil ihm Roth die Kohlen verweigerte, packte ihm am selbigen Abend ein heftiges Fieber. Nach zwei Tagen stellte der Arzt Gelenkrheumatismus fest, der so stark auftrat, daß das Herz in Mitleidenschaft gezogen wurde und der Arme am ersten Weihnachtsfeiertage an Herzschlag starb.

Die tieferschütterten Eltern hatten zwar telegraphisch um Überführung der Leiche ihres einzigen Sohnes zum Heimatsort gebeten, doch da das Geld für einen Zinksarg und den Transport nicht kam, fand die Beerdigung auf dem Garnisonsfriedhof statt.