Elf Uhr! Schmitz setzte seinen Hut auf, ergriff den Spazierstock, blies die Lampe aus und ging die dunkle Treppe hinab.

Auf der eisbedeckten Steinstufe vor der Haustür verweilte er einen Augenblick und lauschte dem dumpfen, feierlichen Glockenton. Sonst vernahm man keinen Laut, keinen menschlichen Tritt, nur ein fernes Rauschen wie ein Atem erfüllte die Luft, der Atem einer Großstadt in der Silvesternacht.

Schmitz schlug fröstelnd den Rockkragen hoch, steckte beide Hände in die Hosentaschen und ging, den Stock unter'm Arm, eiligen Schrittes dem Bahnhof zu, wo er für 20 Pfennig eine Fahrkarte nach seiner früheren Garnison erstand und den bereitstehenden Zug bestieg.

Das kleine Städtchen lag wie ausgestorben in seiner schneeichten Hülle. Von der Kaserne flimmerten die hell erleuchteten Fenster wie Sterne herüber, und mitunter tönten abgebrochene Weisen eines Gesanges, oder einzelne Akkorde, vom Winde sanft getragen, klangen in die Nacht hinaus. In der Ferne summte es von dem Läuten zahlreicher Kirchenglocken, welche in den vielen umliegenden Dörfern und Flecken das neue Jahr begrüßten. Aus den hell erleuchteten Kneipen und Restaurationen aber ertönte lautes Reden, Lachen und Gesang fröhlicher Zecher, die dem neuen Jahr einen frischen Trunk entgegenbrachten.

Schmitz ging dem Stadtende zu, an welchem die Kaserne lag und machte vor einem Wirtshause Halt. Scheu blickte er um sich, ob Niemand ihn beobachte, dann stieg er auf den Rand der Mauer und schaute durch das angelaufene Fenster.

Richtig, dort saß der Roth, im Kreise einiger Unteroffiziere und Gefreiten, denn hier pflegte er allabendlich bis in die tiefe Nacht zu zechen oder ein Spielchen zu machen.

Vorsichtig stieg er wieder herab und schritt der Kaserne zu. Er bog in einen zu beiden Seiten mit beschneiten Hecken eingefaßten Richtweg und stellte sich an der ersten Biegung auf. Hier pflegte Roth auf dem Heimweg vorbeizukommen.

Schmitz mußte lange auf seinem Posten ausharren, aber es war ihm wohl zu Mute.