»Das möchte ich beinahe auch glauben,« lachte Borgert, »man sieht eben, die Ehe ist keine zeitgemäße Einrichtung. Sie mag gut sein für zwei Menschenkinder, die äußerer Vorteile wegen, wie sie auch sein mögen, sich heiraten. Aber für Menschen, die nur zusammenkommen, weil sie glauben, sie lieben sich, ist es nichts, denn wenn die Liebe vorbei ist, ist die Ehe nur ein Martyrium. Und deswegen sollte es für solche, die sich näher treten wollen, eine andere Einrichtung geben, als sie dann gleich fürs ganze Leben aneinander zu fesseln!«
»Sie meinen also dann, an Stelle der Ehe sollte man die sogenannte »freie Liebe« einführen?«
»Gewiß, gnädige Frau, entweder das, oder, wenn dies aus irgend welchen Gründen nicht ratsam erscheinen sollte, eine Einrichtung schaffen, wie sie die Orientalen haben. Hat dort ein Mann sich an einer Frau gesättigt, wenn ich mich drastisch ausdrücken soll, so geht er einfach zur nächsten über, denn er darf sich ein ganzes Hans voll halten. Aber er wird einer einzelnen gar nicht so schnell überdrüssig, weil er eben Abwechslung in der Liebe haben kann. Und man kann doch keinen Menschen zwingen, sein ganzes Leben nur immer denselben oder dieselbe zu lieben!«
»Da schiene mir denn doch die freie Liebe noch ratsamer, wenn Sie einmal die Einzelehe verwerfen wollen, denn sie wäre noch weniger durch Grenzen und Gesetze beengt, wie es die orientalische Ehe trotzdem ist.«
»Selbstverständlich, welchen Unsinn und widernatürlichen Zwang unsere Ehe bedeutet, sehen Sie, wenn Sie ihr Wesen einmal genau definieren. Was heißt Ehe? Ein Bündnis zwischen Mann und Frau, die sich lieben oder deren äußere Verhältnisse eine Verbindung ratsam erscheinen lassen. Dabei machen Kirche und Gesetz, manchmal auch nur letzteres allein, dieses Bündnis, Ehe genannt, zu einem rechtmäßigen.
Aber erstens: die sich lieben. Tun sie das immer und dann durch das ganze Leben? Nein, nur in der Minderzahl der Fälle bleibt eine etwa zu Anfang vorhandene Liebe bestehen, aber die Ehe ist von Gott und Natur dazu bestimmt, Liebende zu verbinden. Tut sie das nicht, ist es Unsinn.
Zweitens: eine Ehe zwischen äußeren Umständen gibt es auch nicht, denn um aus gemeinsamen Vorteilen, oder wie Sie es nennen wollen, Gewinn zu haben, ist Handel und Geschäft der richtige Weg, aber nicht die heilige Ehe.
Drittens: eine Ehe, in welcher die Liebe schwinden kann, ist ebenfalls hinfällig, denn man muß bei der Trauung dem Pfarrer, gewissermaßen also dem Stellvertreter Gottes, das eidliche Versprechen geben: wir wollen uns das ganze Leben in Liebe angehören. Dieser Eid ist also sofort in einen Meineid verwandelt, wenn die Liebe schwindet. Und wie kann man mich denn zwingen, etwas zu schwören, von dem ich noch gar nicht weiß, ob ich es zu halten im stande bin? Wider die Natur kann doch kein Mensch!
Der Begriff Ehe ist also abgetan.