»Die Wahrheit wollt Ihr Weiber niemals hören, wenn man euch nicht ewig Schmeicheleien sagt und schöne Töne vorflötet, seid ihr gleich auf den Fuß getreten!«
»Nun, ich bin von dir nicht gerade verwöhnt mit derartigen Liebkosungen!«
»Weil ich nicht weiß, wofür ich sie dir schuldig bin. Vielleicht dafür, daß ich heute nicht weiß, wie ich meinen Schuster bezahlen soll, statt daß ich auf der Kriegsakademie bin und ein anständiges Leben vor mir habe?«
»Schweig, du gemeiner Mensch, du hast kein Recht, mich zu beleidigen! Verlaß mein Zimmer oder ich verlasse das Haus!«
»Zu Befehl, meine Gnädigste! Angenehme Ruhe!«
Dabei schlug Leimann hinter sich die Tür ins Schloß, daß die Fenster zitterten und begab sich in sein Schlafzimmer.
Seine Gattin aber vergrub schluchzend das Gesicht in den Sophakissen und machte in einem Tränenstrom den Gefühlen des Hasses und der Wut gegen den herzlosen Gatten Luft. Ihr ganzes Inneres empörte sich gegen die Gefühlsroheit dieses Menschen, dem sie gefolgt war, weil er ihr auf den Knien schwor, nicht ohne sie leben zu können, und nun trat er die dargebrachte Liebe mit Füßen, entweihte alle heiligen Erinnerungen eines Frauenherzens, welche sich an den ernstesten Schritt ihres Lebens knüpfen und ihm in schweren Stunden eine Stütze, ein Halt sein sollen, um Unglück und Ungemach leichter ertragen zu können.
Und hatte sie noch vor wenigen Minuten, als Borgert sich aus ihren Armen befreite, etwas empfunden wie eine schwere Sünde, ein Verbrechen an der Heiligkeit der Ehe, eine Gewissenlosigkeit gegen den Ahnungslosen, so schien ihr jetzt ihre Handlungsweise eine gerechte Sühne und entschuldbare Folge für die brutale, herzlose Gefühlsroheit ihres Gatten.
Denn nie ist das Herz des Weibes mehr empfänglich für die verbotene Liebe eines fremden Mannes, als in dem Augenblick, da es in den letzten Zuckungen liegt von dem Todesstoß, den ihm der eigene Gatte gab.