Indessen saß der Geschmähte behaglich am warmen Ofen seines Zimmers, auf seinen Knieen aber Frau Kahle.
Sie hatte es vor Sehnsucht nicht aushalten können und war unter dem Vorwand, Besorgungen machen zu müssen, ihrem Gatten entwischt und im Schutze der Dunkelheit nach dem Ende der Stadt in den kleinen Garten geeilt, zwischen dessen hohen Kastanien das kleine von Kolberg bewohnte Häuschen stand.
Dieser Versuch, ein ungestörtes Schäferstündchen zu genießen, glückte so gut, daß es sich lohnte, ihn so oft wie nur möglich zu wiederholen. Es war auch besser so, als dieses langweilige Spazierengehen, denn in dem kleinen Nest paßte ein jeder auf und freute sich wie ein König, wenn er etwas zu erzählen hatte, was ein anderer noch nicht wußte. Selbst den Bäumen im Walde konnte man nicht trauen, war es doch schon vorgekommen, daß ein Unteroffizier aus der Krone einer Ulme herabstieg, an deren Fuß ein anderer sich mit seiner Braut vergnügte, und der Treulosen eine ausgibige Portion Prügel verabreichte.
Außerdem war die Witterung meist kalt und schlecht, und zur Liebe braucht man Wärme.
So aber merkte niemand etwas. Sie ging einfach aus, um Einkäufe zu machen, und dann waren nach Eintritt der Dunkelheit die Straßen meist so leer, daß sie kaum einem Menschen begegnete, wenn sie dem einsamen, abgelegenen Häuschen zuging.
Die Glücklichen rechneten nicht einmal damit, daß man vor dem Burschen auf der Hut sein müsse, er wurde eben jedesmal in die Stadt oder zur Kaserne geschickt. Er hatte aber bald heraus, daß diese regelmäßigen Sendungen am Montag und Donnerstag nur ein Vorwand seien, denn die Aufträge, die er dabei erhielt, waren oft recht sonderbarer und überflüssiger Art. So stellte er sich denn eines Tages hinter einem Baum und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen die Gattin des Rittmeisters Kahle, die ungeniert zu seinem Leutnant hineinspazierte. Allmählich aber wuchs seine Neugierde, und er schlich sich dann regelmäßig unter das Fenster, um durch die dünnen Scheiben jedes Wort mitanzuhören, oder vom nächsten Baum aus einen Blick in das Innere des Zimmers zu werfen. Was er da sah, setzte ihn in Erstaunen, und er gab gelegentlich seinen Gedanken in der Kantine Ausdruck. Er fand dabei ein dankbares Publikum, denn alle lachten aus vollem Halse. Ihre Heiterkeit aber erreichte den Höhepunkt, als der getreue Bursche Kolberg's aus dem Portemonnaie eine in der Wohnung des Leutnants gefundene Haarnadel herauszog und dieselbe Kahles Burschen übergab mit der scherzenden Bitte, sie der Gnädigen zurückzuerstatten.
Kolbergs Bursche war dadurch ein interessanter Mann geworden, denn er erzählte weit fesselnder als der des Hauses Leimann. Letzterer wußte von seiner Gnädigen und Borgert ja auch so manches zu erzählen, doch seine Darstellungen waren lückenhaft, weil sich das Dienstmädchen weigerte, ihre weit interessanteren Beobachtungen zum Besten zu geben. Sie sparte sich dieselben auf als Trumpf für spätere Zeiten, wo man durch sie nicht nur den rückständigen Lohn, sondern vielleicht noch mehr herausschlagen konnte.
So vergingen mehrere Monate.
Das Geheimnis von dem Verhältnis Kolberg's zu Frau Rittmeister Kahle war allmählich in alle Kreise hindurchgesickert und der Gesprächsgegenstand in mancher Kneipe des kleinen Städtchens geworden. Selbst Kolberg's Kameraden wußten davon, aber keiner wollte es unternehmen, eine Sache, für welche man nicht greifbare Beweise in Händen hatte, aufzurühren, denn entweder stritten die beiden die ihnen zur Last gelegten Tatsachen ab, und dann war man der Blamierte, hatte die Ehre eines Kameraden und, was noch schlimmer war, die einer Dame des Regiments angegriffen, und das mußte böse Folgen haben, denn wer konnte wissen, ob der einzige Zeuge des Verhältnisses, Kolberg's Bursche, bei seinen Behauptungen bleiben würde, wenn man ihm auf's Leder kniete? Vielleicht — und das schien wahrscheinlich — würde er seine Erzählungen aus Furcht vor Strafe für sein heimliches Aufpassen widerrufen oder die Sache in einem anderen, unschuldigeren Lichte darstellen, vielleicht auch würde er aussagen, nichts gesehen zu haben.