Andererseits fürchtete man mit Recht, die Enthüllung der Sache könnte gewaltigen Staub aufwirbeln, die Verabschiedung eines Kameraden und das unvermeidliche Duell zur Folge haben. Dem Rittmeister Kahle aber wollte man wohl, weshalb ihm also solche unerquicklichen Weiterungen bereiten?

So blieb alles, wie es war, nur die Rederei nahm, besonders in der Stadt, einen derartigen Umfang an, daß Rittmeister König sich entschloß, dem Kommandeur privatim einen Wink zu geben.

Der Oberst aber fragte: »Melden Sie mir das dienstlich? Nein? Dann weiß ich nichts davon, ich werde mir die Finger an einer solch heikeln Geschichte nicht verbrennen.«

König verspürte auch wenig Lust, der Urheber einer großen Skandalgeschichte zu werden und nachher womöglich noch eine Forderung zu erhalten, er schwieg also ebenfalls.

So geschah denn von keiner Seite etwas, um dem Gerede ein Ende zu machen und etwas aus der Welt zu schaffen, was dem Regiment und dem gesamten Offizierkorps in hohem Grade schadete und geeignet war, sein Ansehen in schlimmster Weise zu schädigen. Wo man in anderen Kreisen der Bevölkerung bei gleichen Verhältnissen den Schuldigen zur Rechenschaft gezogen haben würde, duldete man einen jedem Anstands- und Ehrgefühl Hohn sprechenden Umstand, und das in einem Stande, der für sein Ansehen, die Unanfechtbarkeit seiner Sitten und seine bevorzugte Stellung im Vaterland die erste Stelle für sich beanspruchte.

Am schwersten traf dieser Vorwurf den Obersten von Kronau. Dieser Herr, der stets bereit war, mit aller Strenge rücksichtslos einzugreifen, wenn er etwas Ungehöriges oder Strafbares entdeckte und keine Milde kannte, wenn er dabei für seine Person nichts zu fürchten hatte, er duldete die Schande. Denn hier mußte er damit rechnen, daß ihm unter Umständen Unannehmlichkeiten entstanden. Entweder konnte man ihn einer falschen Anschuldigung zeihen, oder seine Stellung als Kommandeur erhielt einen Stoß, wenn die vorgesetzten Behörden Kenntnis von den Geschehnissen in seinem Regiment erhielten. Beides aber war durchaus nicht nach seinem Geschmack.

Es kam ihm daher als hochwillkommene Nachricht, als er ein Dienstschreiben erhielt, laut welchem der Rittmeister Kahle zum Major befördert und in eine Garnison Süddeutschlands versetzt wurde. Da war das ersehnte Ende dieser unseligen Geschichte, und er freute sich doppelt, nicht voreilig gehandelt zu haben, denn nun wurde die Sache durch eine günstige Wendung des Geschicks zum Abschluß gebracht.

Kahle war glücklich über die unerwartet schnelle Beförderung. Hatte er doch nun das schöne Ziel erreicht, dem er lange Jahre ernster Arbeit und redlichen Strebens gewidmet!

Jetzt konnte er ruhiger der Zukunft entgegensehen, denn nun die gefährliche Majorsecke überwunden war, schien ihm eine weitere aussichtsvolle militärische Laufbahn mit Rücksicht auf seine Fähigkeiten außer Zweifel. Dazu die schöne neue Garnison, was wollte er mehr?

Schon am Tage nach der Beförderung versammelte ein Liebesmahl das gesamte Offizierkorps im Kasino. Um den Scheidenden besonders zu ehren, hatte der Oberst Epauletten befohlen, und der neugebackene Major nahm sich besonders fein aus im Schmuck seiner Orden und Kandillen.