Als der zweite Gang vorüber war, erhob sich der Oberst und hielt dem scheidenden Kameraden eine herzliche Abschiedsrede, in welcher er der allgemeinen Beliebtheit und den hohen militärischen Tugenden Kahles Ausdruck gab, dann überreichte er ihm den üblichen silbernen Becher mit dem Namenszug des Regiments.

Kahle dankte mit gerührten Worten. Aus seiner Abschiedsrede klang die Freude über die Beförderung heraus, aber auch ein Schmerz, nach so langer Zeit in der Garnison die Kameraden und den Ort seiner Wirksamkeit verlassen zu müssen. Oft hatte er sich sehnlich fortgewünscht aus diesem weltvergessenen Städtchen, in dem es so viel Ärger gab, aber jetzt, da es ans Scheiden ging, schnitt es ihm doch wie ein leichter Schmerz in die Seele, auf immer von dort zu scheiden, wo er lange Jahre dem Vaterlande in Ehren gedient.

Die Herren waren alle vollzählig am Bahnhof versammelt, als der Major am nächsten Tage mit dem Mittagszuge abreiste. Nachdem er noch einmal allen Lebewohl gesagt, und der Oberst ihn geküßt hatte, nahm er Abschied von seiner Frau und dem kleinen Sohne. Es war ihm schwer ums Herz und es kostete ihm Mühe, eine Träne zu verbergen, die sich in sein Auge stahl.

Auch seine Ehe wollte er nun zu einem trauten Zusammenleben gestalten, auf daß mit den Freuden seiner neuen Stellung auch die eines gemütlichen Heims erblühten, und dieser Vorsatz ließ ihn besonders herzlich von der Gattin Abschied nehmen. Auch sie würde ihre kleinen Fehler ablegen, wenn sie in anderer Umgebung die oft empfundene Langeweile und Bitterkeit vergaß, die schönsten Jahre ihres jungen Lebens in einer kleinen Stadt an den Grenzen des Reichs verbringen zu müssen. Konnte sie sich erst wieder in der neuen schönen Garnison das Leben angenehm gestalten und neue Eindrücke in sich aufnehmen, dann würden die kleinen Reibereien und Feindseligkeiten in ihrer Ehe ebenfalls ein Ende nehmen, sie waren blos die Ausgeburt der Abgeschlossenheit und Langeweile, in der eine so lebenslustige Frau mißmutig und launisch werden mußte.

Bis die Räumung der Wohnung und der Umzug besorgt war, sollte Frau Kahle in der alten Garnison verbleiben, und Oberleutnant Weil nebst Gattin hatte sie gebeten, während jener Zeit als Gast bei ihnen zu verbleiben.

Mit Freuden nahm Frau Kahle die freundliche Einladung an. Hatte sie doch so wenigstens Gelegenheit, diese paar Tage mit Kolberg ordentlich zu genießen, denn jetzt brauchte sie niemand mehr Rechenschaft über ihr Tun und Treiben zu geben, ja sie konnte sogar unter dem Vorwand einer kleinen notwendigen Reise einen ganzen Tag und eine Nacht bei ihm weilen, denn für eine Trennung auf lange Zeit, vielleicht für immer, hieß es gründlich Abschied nehmen und den Freudenbecher der Liebe noch einmal bis zur Hefe leeren!

Eines Tages saß Familie Weil mit ihrem Gast am Kaffeetisch, als der Bursche einen Brief für Frau Kahle hereinbrachte, den der Briefträger soeben abgegeben. Sie öffnete denselben, überflog die wenigen Zeilen und steckte ihn leicht errötend in die Rocktasche.

»Frau Pfarrer Klein schreibt mir soeben, ich möchte sie doch heute noch einmal zum Kaffee besuchen, damit sie mich noch einmal sehen könne. Reizend liebenswürdig, nicht wahr? Ich will doch gleich hingehen, damit es nicht zu spät wird.«

Dabei erhob sie sich, trank im Stehen ihre Tasse aus und tänzelte mit einem »Auf Wiedersehen heute Abend« zur Tür hinaus. Wenige Minuten später sah Weil sie auch eilenden Schrittes nach der Stadt zu wandern.

»Sonderbar!«, sagte er dann zu seiner Gattin, »mit der hat sie doch früher nie verkehrt, die kennt man ja kaum. Das wird doch nicht irgend eine Finte sein?«