Frau Kahle stand einen Augenblick wie versteinert im Halbdunkel des Zimmers, dann griff sie hastig nach ihrer Tasche. Die Hand suchte einen Augenblick, dann wandte sich die Frau Major schweigend dem Ausgange zu und ging nach ihrem Zimmer, dessen Tür sie heftig hinter sich zuwarf.
Nach dem Abendessen schritt der Oberleutnant zu seinem Schreibtisch, zündete die grünverschleierte Lampe an und setzte sich in den Sessel. Dann entnahm er einer Schublade einen großen Bogen weißes Papier, tauchte die Feder ein und legte beides vor sich hin.
Eine halbe Stunde saß er zurückgelehnt und blickte sinnend auf den weißen Bogen, dann ergriff er den Federhalter und begann zu schreiben.
Seine Gattin saß indes mit sorgenvoller Miene an dem großen Sophatisch, mit einer Stickerei beschäftigt, nur manchmal warf sie einen Blick zu dem Gatten hinüber, dessen Feder kratzend über das Papier eilte.
Endlich war das Schriftstück fertig. Weil lehnte sich in den Stuhl zurück und schaute wieder sinnend vor sich hin, dann las er es noch einmal langsam durch, faltete es zusammen und schob es mit dem gefundenen Brief in ein gelbes Kouvert, dessen Rückseite er ein Siegel aufdrückte.
Dann verschloß er das Schreiben in einer Schublade, blies die Lampe aus und nahm neben seiner Gattin auf dem Sopha Platz, um sich in die Zeitung zu vertiefen.
Frau Kahle reiste am nächsten Morgen mit dem Frühzug ab, wohin, wußte selbst der Bursche nicht, welcher den Koffer zur Bahn gebracht, denn sie hatte weder schriftlich noch mündlich ein Wort des Dankes oder der Entschuldigung hinterlassen.
Am Mittag desselben Tages wurde der ahnungslose Leutnant Kolberg zum Kommandeur bestellt und ihm von diesem eröffnet, daß gegen ihn das ehrengerichtliche Verfahren eröffnet und er bis auf Weiteres des Dienstes enthoben sei.
Das gab eine Aufregung im Offizierkorps! Im Stillen begrüßte es ein jeder mit Schadenfreude, daß die an sich so peinliche Angelegenheit nun doch noch weitere Kreise zog, denn kein einziger war dem verschlossenen Kolberg, der sich von allen Veranstaltungen im Kasino zurückzog, und der koketten Frau besonders gewogen. Es scheute sich daher niemand, am wenigsten Borgert, in der schroffsten Weise über Weil's Vorgehen zu urteilen und dabei an den Geschehnissen zwischen Kolberg und Frau Kahle die härteste Kritik zu üben. Man sprach von dem Kameraden in Ausdrücken, wie sie kaum in den Büchern des guten Tones zu finden waren, und nahm sich vor, »den gemeinen Ehebrecher und Duckmäuser« gründlich zu »schneiden«.
Der Oberst von Kronau hatte den größten Schrecken bekommen, als Rittmeister Stark, der Präses des Ehrenrates, am Morgen mit dem Schriftstücke Weil's erschienen war. Er überlegte hin und her, was zu tun sei, um der höchst peinlichen Affäre eine möglichst günstige Wendung zu geben. Aber sie war nun einmal beim Ehrenrat anhängig gemacht und mußte, der Vorschrift entsprechend, untersucht und durchgeführt werden. Er mußte sich daher darauf beschränken, über den Anstifter der unheilvollen Geschichte, den Oberleutnant Weil, zu fluchen und ihm eine möglichst schlechte Konduite vorzumerken.