Anfangs hatten sich die Kameraden von Kolberg ganz zurückgezogen, man sah ihn auch nur gelegentlich in der Umgebung der Garnison, wenn er seine Pferde ritt.

Eines Tages aber war Borgert in Geldverlegenheit gewesen und hatte, da alle anderen Quellen allmählich ihre Zahlungen einstellten, als letzten Weg einen Pumpversuch bei Kolberg ausfindig gemacht. Dieser benutzte denn auch die Gelegenheit, Borgert sich zu verpflichten, denn er kannte dessen Einfluß auf die jüngeren Herrn. Er verschaffte sich daher schleunigst gegen Verpfändung seines Vollblutrappen die erbetenen tausend Mark und stellte sie Borgert zur Verfügung.

Der Dank blieb nicht aus. Schon nach wenigen Tagen hatte der Oberleutnant die gesamte Tischgesellschaft von den vorzüglichen kameradschaftlichen Eigenschaften Kolbergs und der lächerlichen Auffassung seiner Schuld seitens der Vorgesetzten derartig zu überzeugen gewußt, daß der vom Dienst Enthobene nicht nur ein gern gesehener Gast, sondern ein noch beliebterer Gastgeber wurde. Er renommierte dann beim schäumenden Sekt mit seinem bevorstehenden Duell, wo er dem »Dämelsack«, dem Kahle, ordentlich heimleuchten würde, und wurde so allmählich der Held des Tages, der mit kühnem Schneid sich eine Dame erobert hatte, während andere mit einer Straßendirne vorlieb nehmen mußten.

Er wurde jedoch etwas bescheidener, als er eines Tages Kahle's Forderung erhielt:

>15 Schritt Distanze, gezogene Pistolen mit Visier und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit einer Partei<. Das hatte er nicht erwartet, die Aussichten des Zweikampfes für ihn waren somit nicht abzusehen, vollends, da der Major als guter Schütze galt und sein Ruf als trefflicher Nimrod weit über die Grenzen der Garnison hinausging.

So wanderte er denn täglich in den Wald und übte sich im Schießen, um am Tage des Kampfes gewappnet vor den Gegner treten zu können.

Wenn er so eine Kugel nach der anderen in eine unschuldige Buche hineinknallte, kam ihm mitunter der Gedanke, daß er doch eigentlich den Major nicht treffen dürfe, da er an ihm gesündigt und ihn betrogen habe. Es war etwas wie das letzte Aufdämmern eines unter dem Druck moralischen Niederganges ersterbenden Pflichtgefühls, die Regungen eines schuldbeladenen Gewissens und das leise Empfinden der Gerechtigkeit, aber diese Regungen wurden von einem weit mächtigeren Gefühl erdrückt: dem neu erwachten, wilden Hang am Leben, der um so heftiger ihn ergriff, je mehr er sich in die Möglichkeit hineindachte, ein Leben lassen zu müssen, das ihm noch so viel des Schönen bot. Und eine innere Stimme rief in ihm: Du willst nicht sterben, leben willst du, leben! —

Und dafür war der beste Weg, den Gegner in den Sand zu strecken.

Vier Monate waren vergangen, bis das Ehrengericht das Urteil sprach. Es lautete auf Verabschiedung Kolbergs, doch wurde dem Bestätigungsgesuch an Seine Majestät ein solches um gnadenweise Wiedereinstellung des Verabschiedeten beigefügt.