»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier, die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt: zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern fleißig gefüttert werden. Nach – ich weiß nun nicht mehr genau, Herr Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen –«
»Nach vierzehn Tagen etwa.«
»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere; aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen machen den Ameisenstaat aus.«
»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?«
»Nein! Nein! Nummer 1!«
»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«
»Ich,« sagt Manning.
»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«
»Ja!« – Der Junge räuspert sich noch einmal. – »Also, der Ehrenfried hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn nicht haben.« – Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk im Nacken. – »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen – auch der Mensch gehört zu diesen Tierchen – auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!«
»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?«