[11] Bezecht ist.

»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«

Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«

»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein. »Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«

[12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.

Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er bei so viel Schnee doch weich genug.«

»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man eine Fettschicht auf den Rippen hat.«

»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir der bloße Neid! Wenn du man –«

»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere. Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt. Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt die Hand leicht an die Mütze. Der Jubel nun erst! Das hätte sicher zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.

Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. –