Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten, aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.

Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein walzen kannst!«

Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll, da wendet er sich blitzschnell und – rennt mit der Nase gegen einen aufgehobenen Arm.

»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«

»Na, ich will die Enten zählen!« – Ein ganzes Heer von Kriekenten tummelt sich draußen auf dem Wasser.

»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener! Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost nischt!«

Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist – ein Stück von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871 bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen. Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er – ein echter Brandenburger! – damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:

»Dieser Stein vom Seinestrande,

hergepflanzt in deutsche Lande,

ruft, o Wanderer, dir zu: