»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«
Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz getan hat.
Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn Fuchs von dir?«
Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht doch Fuchs! Nachher!«
Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹ Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht gehörte!« – – –
Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch laufen.
»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht kommt Rat!« – – –
Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890 in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr. Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters: war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! NW, Havelberger Straße 250. Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann, Schöneberg, Torgauer Straße 105.«
Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen. Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich? Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!«
Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250. Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3 Treppen links. – – –