Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten.
»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken. Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag etwas schlafen.«
Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried, meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« – Doktor Fuchs hat das Geld schon in der Hand – »ihm doch diese Mark und fünfzig Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom Vormund für unvorhergesehene Fälle.«
Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie, »ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!«
»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.«
Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen. Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur Last fällt!«
»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie aufgenommen?«
Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch bis jetzt gegangen!«
»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es Ihnen einmal danken!«
»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder. Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn schicken wohin ich will. Nur,« – die Frau lächelt dabei, als hätte das schon recht spaßige Szenen gegeben – »er kann nicht ›danke!‹ sagen; das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«