Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem, dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.

Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein, Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«

Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber – wo sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm; aber die andern? Etwa – gegen seinen Befehl – doch auf dem Turm? Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.

Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! –

Brennesseln und Regenwürmer.

Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter, die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.

Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.

»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen weiterfrühstücken!«

Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine Plätzchen hier! Na, wird’s bald? – So!«

Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben, unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen, sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian, freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter, bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm, Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«