Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..

Franz machte eine rühmliche Ausnahme.

Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne sank.

Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein Freund und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.

Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot, erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus Jahr ein Versuche anstellte.

So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen Knaben war ein flotter Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und seiner Mitschüler. Damals — heute soll es ja anders sein — gab es ein Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor, ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern, daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.

So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber, denn ich möchte gern sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da gefragt werden kann, weiß ich alles.“

Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu, die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners abholen.

Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern, schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich. Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie mechanisch an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen. Da — oben — wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.

Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde von sich geben.