„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins von beiden studiere.“
„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp. Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch mal doräwer.“
Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf. „Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte, aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du werden willst ....“
„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich weiß es schon, ich will studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen gibt.“
„Und dann?“
„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“
Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie, was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen, wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig ein.
3. Kapitel
Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten. Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk, den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor — der Name Sefczyk bedeutet verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt worden — hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung. Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte, gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor, den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor, den vierten beim Pfarrer usw. War die Woche zu Ende, dann begann er seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu liefern brauchten.
Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“ er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie studiere.