„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze — — Alle standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“

Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten. Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare, unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis. Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde, mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.

Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt. Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!

Es war ein anstrengender Tag für Franz, für Vater Rosumek und Pastor Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett, daß sein erster Blick darauffallen mußte.

Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er in die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.

Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging. Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die Bauernfrauen.

Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in der Stadt war. Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“

Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam, streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine contradictio in adjecto, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet, daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark dem alten Heiden Bacchus geopfert.“

Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „Mi fili, mein Herz ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen .... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“ Er faßte ihn unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer Auferstehung entgegenschlummern.“

4. Kapitel