Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der Pastor las mit banger Sorge das Extrablatt. Er sprach zu Franz die Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde. Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren, bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten, ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer Welt von Feinden die Stirn zu bieten.
In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das Vaterland und die Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht .... Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen, wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....
Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....
Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?
Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer an der Grenze rauchten schon, verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.
Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und ... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.
Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen. Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.
Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten. Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.
Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu opfern. In ihr war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek, der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr Herz zu nehmen.
Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch, als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte, überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als Gefangener aufzufinden war.