Da war es ihr in dieser verzweifelten Stimmung ein Trost, als Liesel ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer. Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... — — —

Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.

Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen seine Vorgesetzten nicht zu denken.

Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg errungen hatte.

20. Kapitel

Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen, daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese Sperre zu durchbrechen.

Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag, um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.

Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen Gang bestimmt. Sobald es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster. Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz vorwärts.

In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.

Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten .... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her. Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien, zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert Meter laufend zurücklegen.