In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche, warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.
Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an: „Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen, vielleicht kann er doch noch was aussagen.“
Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.
„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er vernehmungsfähig werden wird ....“
Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.
„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum Auditeur.“
Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt. Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.
Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt. Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt. Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ ihn einschlafen.
Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte, wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen hielt. Verwundete Gefangene behandelte man nicht so rücksichtsvoll .... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche Hände und in deutsche Pflege.
Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch verbunden.