So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm, durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....

Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig fluchte und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich mit Franz teilte.

Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde. Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.

Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat, ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief erreichte leider nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert, der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und Unterstützung wartete.

Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters, kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.

Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen Genossen. Manchmal hörte er zu, wenn Franz sich, aber auch ihm, ein Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.

„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten? Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie noch een Arm hatten?“ ...

Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker. Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen, und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.

Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen Ständen das Vaterland verteidigten.

Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde, bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein Schlemmerleben führen könnten.