Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.
Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um den Ausbruch des Krieges zu verhindern.
„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind und nich die Macht dazu hatten.“
So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen Recht ....
Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg, wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein Auge gekostet.
Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief, drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände gereicht .....
Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.
Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach. Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den Verlauf des Krieges.
Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen. Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert hatten, denn nicht Frieden?
Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause, jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde. Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte. Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus?