„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“

21. Kapitel

Im Morgengrauen kam Franz auf der kleinen Haltestelle in der Heimat an. Seit dem Augenblick, da der Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes die beiden deutschen Gefangenen in dem sibirischen Dorf entdeckt und ihre Befreiung erwirkt hatte, stand ihm der Moment vor Augen, der jetzt an ihn herangetreten war, wo er den Berg herauf zum Elternhause wandern würde. Manchmal kam dabei in seine Gedanken eine große Freude, aber noch öfter befiel ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Lebten die Eltern noch? Was war aus Liesel geworden? Wo war sie geblieben? Hatte sie ihn als tot betrauert und sich einem anderen zugewandt?

Es war ein frischer Morgen im Vorfrühling. Nur die Kätzchen an den Weidenbäumen deuteten darauf hin, daß sich die Auferstehung der Natur vorbereitete. Und die Lerchen, die wieder hier und dort sich vom dunklen Acker emporschwangen, sangen dem ersehnten Frühling den Willkommensgruß. Ein Bauernbursch, der mit Pferden und Pflug aufs Feld zog, kam ihm entgegen. Franz erkannte ihn und fragte, ob der Pfarrer Uwis noch lebe. Der halbwüchsige Junge grunzte, ohne die qualmende Zigarette aus dem Munde zu nehmen, ein unhöfliches Ja. Er hatte den frühen Wanderer nicht erkannt. Denn ihm war in den vier Jahren ein blonder, krauser Bart gewachsen, der ihn älter erscheinen ließ, als er war.

Er wollte am Pfarrhaus still vorbeigehen. Aber der vertraute Anblick, der so viele liebe Erinnerungen in ihm aufrührte, ließ ihn stehen bleiben. Eben wollte er sich zum Weitergehen wenden, als ein rosiges, blondes Mädel aus der Tür trat, frisch wie eine Knospe im Morgentau. Es war Lotte. Wie gebannt blieb er stehen. Sie musterte ihn mit forschendem Blick. Dann weiteten sich ihre Augen wie im freudigen Schreck. Eine jähe Röte schoß ihr ins Gesicht. Mit beschwingtem Fuß eilte sie auf ihn zu und warf ihm beide Hände entgegen: „Franz!“ ... und noch einmal leiser, inniger, scheuer: „Franz, bist du es wirklich?“

„Ja, ich bin es, Lotte.“

„Willst du zu uns, zu Onkel Uwis?“, verbesserte sie sich. „Wann bist du gekommen?“

„Ich komme eben von der Bahn. Ist der Onkel Uwis schon auf?“

„Er ist schon wach. Ich hole ihm eben frisches Gebäck, dann trage ich ihm den Kaffee ans Bett. Er ist schon etwas hinfällig und muß geschont werden. Aber die Freude wird ihn verjüngen.“

In frohen Gedanken stand Franz vor der Haustür und wartete, bis Lotte zurückkam und ihn ins Haus führte. Nicht lange danach hörte er durch die halbgeöffnete Tür die Stimme seines alten Freundes. „Was ... der Franz ist da? Junge, wo steckst du?“