Mit einem Satz war Franz in der Tür. „Onkel Uwis!“ ... Er warf sich vor dem Bett auf die Knie und schlang seine Arme um die Brust des alten Freundes. „Daß mir Gott noch diese Freude bescheren würde, dich lebend wiederzusehen, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich in Frieden dahinfahren.“
Er legte ihm die Hand wie segnend auf die krausen Haare. „Und nun steh auf, mein Junge, erquick deinen Körper mit Speise und Trank und uns durch die Schilderung deiner Lebensschicksale.“
„Ich bin im Oktober 1914 verwundet und habe ein Auge eingebüßt, ich trage ein künstliches. Dabei geriet ich in Gefangenschaft, wurde nach Sibirien verschleppt, und erst vor vier Wochen befreit. Später erzähle ich ausführlich. Jetzt berichte du erst, wie es hier steht. Leben meine Eltern?“
„Dein Vater starb schon im Herbst 1914 den Heldentod in der Schlacht bei Tannenberg.“
„Schon so lange tot und ich habe keine Ahnung davon gehabt! Weiter, Onkel!“
„Deine Mutter lebt, vergrämt, verbittert. Aber die Freude über deine Rückkehr wird sie wieder aufrichten .... Deine Schwester Emma hat im Kriege auch ihren Mann verloren und führt der Mutter den Haushalt. Sie besaß nie die rechte Fröhlichkeit des Gemüts, jetzt ist sie durch ihr Unglück hart und grämlich geworden, und ich muß dir leider sagen, daß sie nicht liebevoll an der Mutter handelt.“ ...
Franz hörte, wie Lotte leise hinausging und die Türe hinter sich schloß. Da stieß er die Frage hervor, die ihm schon das Herz verbrannte: „Und Liesel? Wo ist Liesel?“
Der alte Herr nahm seine Hand und drückte sie mit beiden Händen: „Liesel ist bei Gott.“
Franz senkte den Kopf und deckte die Hand über die Augen. Auf alles war er vorbereitet, nur auf diese Nachricht nicht. „Meine Liesel tot ... und ich lebe“ ... flüsterte er tonlos.
„Sie starb in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren ein Gruß und ein Segenswunsch für dich. Sie starb für dich, aber sie hat dir ein heiliges Vermächtnis hinterlassen. Du hast einen Sohn, Franz. Liesel hat dir einen Sohn geschenkt, bei dessen Geburt sie ihr junges Leben verlor .... Dein verjüngtes Ebenbild. Hörst du, Franz. Dein Leben hat wieder Inhalt, es ist mit der Verantwortlichkeit für dein Kind erfüllt.“