Nach einer Weile sprach er weiter: „Deine Mutter hat Liesel an ihr Herz genommen und sie wie eine Tochter gehalten. Aber daß der Junge dir erhalten blieb, das hast du nur der Lotte zu danken, die nach dem Tode ihrer Mutter, die auf der Flucht starb, bei deinen Eltern Zuflucht fand. Als Emma ins Elternhaus zurückkehrte, war ihres Bleibens dort nicht länger. Deine Schwester sah scheel auf den Kleinen und behandelte ihn lieblos, weil deine Mutter ihm die Hälfte des Erbteils zuwenden will. Und da meine Frau mir schon vor einem Jahr ins bessere Jenseits vorausgegangen ist und ich nach der Rückkehr von der Flucht hinfällig wurde, nahmen wir Lotte ins Haus. Sie brachte den kleinen Franz mit, und wir freuten uns dessen. Denn der kleine Bube wurde die Freude unseres Alters.“ ...

Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und ein kleiner Bube mit blonden Kraushaaren sprang ins Zimmer. Er warf einen scheuen Blick auf den fremden Mann, dann stieg er behende ins Bett, umfaßte den alten Herrn und küßte ihn. „Großväterchen, ich wünsche dir einen schönen, guten Morgen.“

Da konnte sich Franz nicht beherrschen. Mit beiden Händen griff er zu und riß den Knaben ungestüm an seine Brust. Erschreckt fing der Kleine an zu weinen. „Aber Franzel, das ist doch dein Väterchen“, rief Lotte von der Tür her. „Ich habe dir doch so oft sein Bild gezeigt.“

Der Kleine schüttelte den Kopf .... „Der ist nicht mein Vater ... der sieht anders aus.“

„Nimm den Kleinen raus,“ entschied der Pastor, „so schnell geht das nicht bei Kindern .... Und du, Franz, wirst gut tun, deinen Bart abnehmen zu lassen, damit du deinem Bild wieder ähnlich wirst. Oder legst du soviel Wert auf den Mannesbart, daß du ihn deinem Sohn nicht opfern willst?“

„Nein, Onkel, das werde ich gern und bald tun.“ Er stand auf und reckte wie anklagend die Hände empor. „Ach Gott, was hat mir dieser verfluchte Krieg alles genommen. Den Vater, das geliebte Weib, die Liebe des Kindes und vier Jahre meines Lebens.“

Mißbilligend schüttelte der Pastor sein weißes Haupt. „Du bist verbittert und ungerecht.“

„Verbittert? Ja. Und ist es ein Wunder? Aber ungerecht .... Nein, ich kann bloß die göttliche Weltordnung nicht mehr begreifen, die soviel Unheil über die Menschheit kommen ließ, soviel blühende Menschen vernichten ließ.“

„Dein Schmerz macht mir deinen Ausbruch begreiflich. Was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über die Menschheit verhängt hat ...“

„das glaubt ihr mit Lammesgeduld ertragen, ja ihm noch dafür danken zu müssen“, warf Franz heftig dazwischen. „Wir Jungen denken anders darüber. Wir haben die Ursachen der Geschehnisse kennengelernt, die du Gottes unerforschlichem Ratschluß zuschreibst. Wir sehen dahinter die Raub- und Profitgier menschlicher Bestien, von denen wir als den Machthabern gebeugt und geduckt werden. Das gibt es nicht mehr .... Die Macht muß diesen Teufeln in Menschengestalt entrissen und reineren Händen anvertraut werden. In Deutschland ist es ja bereits geschehen.“