„Wie ich höre, habt ihr hier auch einen Arbeiterrat. Wer gehört dazu?“

„Ein Tagelöhner von dir, der Wölk, und zwei Kerle, die dem lieben Gott den Tag abstehlen und sich dafür bezahlen lassen.“

In schweren Gedanken ging Franz heim. Gegen Abend ließ er durch Wölk den Arbeiterrat versammeln und ersuchte um die Zustimmung zur Entlassung des Inspektors. Sofort erklärte einer der „Räte“: „Dazu liegt unseres Wissens kein Grund vor. Sie können dem Mann nicht die Tür weisen, weil Sie jetzt selbst wirtschaften wollen. Das geht jetzt nicht mehr so wie früher.“

„So? Geht das nicht mehr? Das werde ich mir merken. Nichts für ungut, meine Herren, daß ich Sie bemüht habe.“

22. Kapitel

Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld verloren.

Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging, setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne Sorgfalt zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch.

Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und das war mehr, als er erwartet hatte.

Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte.

Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen. Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen Buben kein sonderliches Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester.