An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte.
Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen, sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen, die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke Persönlichkeit, seine gewaltige Rednergabe, die er in der Versammlung mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen.
Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen Verhältnisse gewinnen würde.
Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes zu benachrichtigen und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil veränderte.
Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte. Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß kam doch eine sehr deutliche Ermahnung, Ruhe zu halten und fleißig zu arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen.
Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht. Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren Berliner im Herbst hungern.“
„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“
Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten Arbeitszeit soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus dem Boden heraushole.
Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu.
Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“