„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer richtigen Ehe.“
Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das junge Paar ab nach Berlin.
Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“
„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“
Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach wurde er munter und erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer, bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein. Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie nicht einmal zu ahnen.
23. Kapitel
Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle Strophe in das dünne Geläut der Glocken.
Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen sollte. Über dem Grabhügel häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen.
Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag, den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“
Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte. Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine Frau würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu hören.