Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort, die ihr Herz wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn.
„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“
Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde. Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja, Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem Kind gegenüber übernommen habe. Ich werde dir deinen Haushalt führen. Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie unterstellen kann?“
„Lotte, wie soll ich dir danken?“
„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. — Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen? Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen, ich komme gleich nach ....“
„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch.
„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich halte immer Wort.“
Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben hatte, anstatt die Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht .... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt.
Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet. Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin stellen.
Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude.