Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten.

Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl, das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf. Das gab ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten.

Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“

Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das dieser Jüngling mich führen wollte.“

Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte sich Lotte über Frau Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr führen?“

Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen.

Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden. Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal, Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“

„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir wiedergegeben haben.“

„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“

„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“