„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“
„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig geheilt.“
24. Kapitel
Emmas hochfliegende Pläne waren nicht in Erfüllung gegangen. Ihr Mann war noch nichts mehr als Parteisekretär .... Sie hatte keine politische Bildung, aber ihr weibliches Feingefühl sagte ihr, daß die gemäßigte Partei der Roten die überwiegende Zahl der Arbeiter hinter sich habe und damit die größere Aussicht, sich im Besitz der Macht zu behaupten. Auf ihren Rat und ihr Drängen schloß Lüdicke sich den Mehrheitssozialisten an. Sie fühlte sich in dem modernen Babel, wie sie es von ihrer Mutter hatte nennen hören, nicht behaglich. Sie mußte sich mit zwei möblierten Zimmern begnügen und gemeinsam mit einer nicht sehr friedfertigen Genossin die Küche benutzen.
Das ging ihr wider den Strich. Und als an ihren Mann die Frage herantrat, ob er im Dienste der Partei nach Magdeburg oder nach Ostpreußen gehen wollte, bestimmte sie ihn ohne große Mühe, sich für ihre Heimat zu entscheiden. Ihre Möbel standen noch zu Hause auf dem Speicher. Da wurde die teuere Fracht gespart. Sie fuhr schon einige Tage voraus, und es gelang ihr auch, in der Kreisstadt eine Wohnung von fünf Zimmern zu bekommen, von denen sie eins ihrem Manne als Amtsstube abtreten mußte.
Als sie sich eingerichtet hatten, kamen die jungen Gatten nach Schwentainen zum Besuch. Daß Lotte im Hause war, wußte sie. Das war aller Voraussicht nach ihre zukünftige Schwägerin und Emma behandelte sie sehr freundlich, denn die wirtschaftliche Verbindung mit einem großen Bauernhof war damals eine nicht zu verachtende Sache. Es wunderte sie nur, daß sie zwischen Franz und Lotte nichts entdeckte, was auf ein stilles Einvernehmen schließen ließ. Lotte blieb sich in ihrer stillen Freundlichkeit immer gleich. Und sie zog sich mit deutlicher Absicht zurück, wenn die Familie beisammen war. Sie hatte immer etwas in der Küche und in der Wirtschaft zu tun. Franz schien es nicht zu merken, sondern ganz in der Ordnung zu finden.
Eines Tages kam der Pfarrer zum Kaffee zu Besuch. Er hatte schon etwas verlauten hören, daß der Führer der Roten im Kreise, der Schwager Rosumeks, ein ganz umgänglicher, vernünftiger Mann sei, und begab sich zu ihm, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vom ersten Augenblick an empfanden die beiden hochgewachsenen Männer, als sie sich die Hände zur Begrüßung reichten, etwas wie Vertrauen zueinander, obwohl sie doch auf einem so verschiedenen Standpunkt standen.
„Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt,“ begann der Pastor lachend, „um mich mit Ihnen über die Stellung Ihrer Partei zur Abstimmung ins Benehmen zu setzen. Finde ich einen Gegner oder einen Bundesgenossen?“
„Das wird sich finden, Herr Pastor, wenn wir uns erst einmal auf den Zahn gefühlt haben“, erwiderte Lüdicke lachend. „Ich halte es für selbstverständlich, daß jeder Deutsche, welcher Partei er auch angehören mag, sich einer weiteren Zerstückelung seines Vaterlandes mit allen Kräften widersetzen muß.“
„Das ist ein mannhaftes Wort, für das ich Ihnen Dank sage“, rief der Pastor freudig aus.