„Ich wüßte nicht, weshalb Sie gerade mir dafür danken. Es wird Ihnen doch erklärlich sein, daß mir mein Standpunkt vom Interesse der arbeitenden Klassen diktiert wird. Und das gebietet mir, die Besetzung Ostpreußens durch die Polen für das größte Unglück zu halten. Ich kenne die wahren Polen. Ich habe vor dem Kriege drei Jahre in Lodz gearbeitet. Nur ein kleiner Teil der polnischen Arbeiter war vernünftigen Ideen zugänglich. Die meisten liefen hinter ihren Herren Schlachzizen her und träumten von der Wiedererstehung ihres Landes als Staat.“ Er hob die Stimme. „Es war die allergrößte Dummheit, die von unserer alten Regierung während des Krieges begangen werden konnte, den Polen die Selbständigkeit zu versprechen.“ ...

„Das haben Sie mir aus der Seele gesprochen“, warf der Pastor ein.

„Jetzt ernten wir den Dank dafür. Und wir Arbeiter würden den größten Schaden haben, wenn wir unter polnische Herrschaft kommen. Die ganzen Wohltaten der sozialen Gesetzgebung würden von den Polen zertrümmert werden, die Löhne würden mit Gewalt herabgedrückt und die Arbeiter zu Sklaven gemacht werden.“

„Ich denke, wir haben auch noch andere Kulturgüter zu verteidigen“, meinte der Pfarrer. „Unsere Volksbildung, die führende Stellung unserer Wissenschaft und unsere vorbildliche Landwirtschaft, alles würde von den Polen in Trümmer geschlagen werden. Schlagen Sie ein, Herr Lüdicke, wir wollen in der Heimatbewegung Schulter an Schulter kämpfen.“

Lächelnd reichte ihm Lüdicke die Hand. „Nur mit der Heimatbewegung bin ich nicht ganz einverstanden.“

„Weshalb denn nicht? Geht es Ihnen gegen den Strich, daß wir die Heimatliebe als die treibende Kraft für die Abstimmung zu entfachen suchen? Womit wollen wir denn die Abstimmungsberechtigten im Reich, die sich dort eine Existenz gegründet haben, zum Eintreten für die Heimat bewegen?“

„Darin haben Sie Recht ... ich fürchte nur, daß sich dahinter nationalistische Zwecke verbergen, die letzten Endes den Rechtsparteien dienstbar gemacht werden.“

„Das ist beim Heimatdienst völlig ausgeschlossen. Wenn er einen Nebenzweck verfolgt, dann ist es der, durch Unterhaltung und Belehrung die Volksbildung zu heben. Und das ist, wie ich zu wissen glaube, ein Ziel, das auch Ihre Partei verfolgt. Ich meine, sie tut gut, ihre Anhänger nicht von dem Heimatverein fernzuhalten, sondern hineinzuschicken. Damit gewinnen Sie doch die Kontrolle darüber, was in den Vereinen geschieht.“

„Der Gedanke läßt sich hören“, erwiderte Lüdicke bedächtig. „Ich kann jedoch allein nicht darüber entscheiden.“

Es wurde noch viel an dem Nachmittag gesprochen, auch über Politik, aber ruhig, in versöhnlicher Form, wie es zwischen Gegnern, die sich achten, üblich ist. Der Pastor schied mit kräftigem Händedruck und dem Versprechen, bald wieder zu einem Plauderstündchen zu erscheinen. Die Frauen hatten schweigend zugehört, nur Franz hatte ab und zu eine Bemerkung dazwischen geworfen. Er mußte es erst in sich verarbeiten, daß sein Schwager die Arbeit für die Abstimmung als seine Hauptaufgabe ansah.