Allmählich hatte sich zwischen ihm und seinem Franzel ein innigeres Verhältnis angebahnt. Er nahm auf Lottes Anraten den Kleinen mit sich aufs Feld und ließ ihn auf den Ackerpferden reiten. Das bereitete ihm das größte Vergnügen, noch mehr als die Peitsche, mit der man wirklich knallen konnte. Er wurde gesprächig und plauderte lebhaft. Und sein zweites Wort war immer: „Tante Lotte.“

Eines Tages plapperte der Bub: „Väterchen, Tante Lotte erzählt mir immer von einem toten Mütterchen. Weshalb habe ich keine lebendige Mutter?“

„Weil dein Mütterchen gestorben ist.“

„Weshalb ist die Tante Lotte nicht mein Mütterchen?“

Darauf wußte der Vater keine Antwort. Aber er nahm den Jungen auf den Schoß und herzte ihn. Die Frage blieb in ihm und wühlte in ihm. Sie weckte alte Erinnerungen auf, die verblaßt waren. An den Albertus, den sie ihm geschenkt. Und plötzlich stieg in ihm der Gedanke auf, das ihr Herz womöglich ihm gehöre. Aber nein, sie ging ja so still zurückhaltend neben ihm her. Aber weshalb hatte sie als blutjunges Ding sich seines Jungen angenommen, weshalb hing sie mit solcher Zärtlichkeit an ihm? War das bloß Menschenfreundlichkeit oder Betätigung ihrer Mütterlichkeit? Nur Dankbarkeit gegen seine Eltern, die sich ihrer angenommen hatten? ...

Als Lotte Franzel holen kam, um ihm sein Abendbrot zu geben und ihn zu Bett zu bringen, hatte der Vater schon Augen dafür bekommen, daß sie ein sehr hübsches, frisches Mädel wäre. Aber jetzt und auch für die Folge hütete er seine Augen, um ihr nicht zu verraten, wie sehr er sich innerlich mit ihr beschäftigte. Und jetzt glaubte er auch, zu bemerken, daß sich der junge Pfarrer für Lotte interessierte. Er fand durch die geschäftlichen Beziehungen, die er zu ihr hatte, leicht einen Anlaß herüberzukommen und mit ihr zu plaudern.

Mutter Rosumek war unter Lottes Pflege wieder frischer geworden. Aber ab und zu hatte sie bedrohliche Anfälle von Herzschwäche, bei denen auch die belebenden Baldriantropfen ihre Wirkung verfehlten. Nach solch einem Anfall ließ sie Franz rufen und sagte ihm unter vier Augen: „Mein lieber Junge, ich werde täglich schwächer. Du mußt mit meinem baldigen Ende rechnen.“

„Aber Mutter, du bist doch frischer als wie ich nach Hause kam.“

„Das scheint bloß so, mein Sohn. Ich weiß doch am besten, wie es mit mir steht. Ich habe noch eine Bitte an dich, die du mir erfüllen mußt, ehe ich die Augen zumache.“

„Wenn es in meiner Macht steht, Mutter ...“