„Väterchen,“ erzählte der Kleine, „der Herr Pastor ist hier gewesen und hat mit der Tante Lotte gesprochen. Und nachher hat die Tante so geweint, soviel und hat mich rausgeschickt.“

Wie ein Blitz schlug es vor Franz ein. Der Pastor hatte um Lotte geworben und sie hatte ihm einen Korb gegeben? Den trefflichen Mann, an dessen Seite sie ein geachtetes Leben führen würde, hatte sie ausgeschlagen? In heftiger Erregung trat er in die gute Stube. Bei seinem Eintritt erhob sich Lotte und wollte an ihm vorbei zur Tür hinaus. Er faßte sie an der Hand. „Lotte, willst du mir eine Frage beantworten? Ist es wahr, daß du den Pastor abgewiesen hast?“

Als sie darauf nur stumm nickte, trat er nahe an sie heran. Doch sein Sohn kam ihm zuvor. Er schlang seine Arme um den Nacken der Tante und zog sie mit aller Gewalt an sich heran. „Tante Lotte, du sollst meine Mutter sein.“

„Ja, Lotte, ich bin eben auch mit dem Entschluß nach Hause gekommen, mein Schicksal in deine Hände zu legen. Willst du mein liebes, geliebtes Weib werden und meinem Jungen die Mutter?“

Sie sah ihn ernst an. „Franz, ich habe dich sehr lieb, aber ich gebe keinem Mann die Hand, der nicht die Heimat liebt, der nicht fest zu ihr steht, der nicht das Höchste ihr zu opfern bereit ist.“

In tiefer Bewegung schlang er den Arm um sie, und sie ließ es geschehen. „Lotte, wenn es nur daran hängt, dann kannst du mit vollem Vertrauen deine Hand in meine legen. Ich habe die Heimat immer im Herzen getragen und werde für sie mit allen meinen Kräften einstehen. Daß ich der neuen Zeit anhänge und von ihr Gutes für die Zukunft unseres Volkes erhoffe, ist doch hoffentlich in deinen Augen kein Makel. Sollte sich meine Ansicht als Irrtum erweisen, dann bin ich der Erste, der sie von sich abtut. Bist du damit zufrieden?“

Zur rechten Zeit wand sich Franzel vom Arm seines Vaters auf die Erde, lief in die Wohnstube und rief: „Ohma, ich habe ein lebendiges Mütterchen. Tante Lotte ist meine Mutter.“ Vertrauensvoll legte Lotte den Kopf auf die Schulter des geliebten Mannes. Hand in Hand traten sie nach einer Weile herein, knieten vor der Mutter nieder und baten um ihren Segen.

Lotte verließ am nächsten Morgen das Haus und ging zu entfernten Verwandten, während Franz mit der größten Beschleunigung die Hochzeit rüstete. Sie fand in aller Stille statt, der Pastor war verreist und ließ sich bei der Trauung durch einen Amtsbruder vertreten. Er bewarb sich, wie man hörte, um eine Pfarrstelle in Berlin, die er auch erhielt. Er kam später nur für einen Tag zurück, um seinem Nachfolger die Wirtschaft zu übergeben.

*

Die Heimatbewegung setzte in Ostpreußen mit großer Kraft ein und wuchs zusehends. Franz tat einen tiefen Griff in seinen Beutel und spendete reichlich. Ja, im nächsten Winter, als die Wirtschaft ruhte, fuhr er unermüdlich auf den Dörfern umher und warb. Wenn er zurückkam, leuchteten seine Augen: „Es geht vorwärts, Lotte! Der Feindbund wird eine Ohrfeige von uns Masuren erhalten, die durch die ganze Welt schallen soll. Es wird der erste Sieg sein, den wir nach dem Schmachfrieden erringen, und er soll so glänzend werden, daß alle Welt staunen wird. Es gibt keinen Masuren, der am Abstimmungstage fehlen wird, um seine Stimme für die Heimat in die Wagschale zu werfen.“